Saisonauftakt mit „Monster“: Zyklus „Des Canyons aux étoiles“ von Olivier Messiaen trotz immensen Aufwands im Orchester erstaunlich abwechslungsarm
Was für eine Herkulesaufgabe, welch eine Herausforderung für das Orchester – und für das Publikum! Mit einem der, komplexesten und schwierigsten Musikstücke des 20. Jahrhunderts ist das Philharmonische Orchester Gießen am Dienstagabend in die neue Konzertsaison gestartet. „Dieses Werk ist ein Monster“, erklärte Generalmusikdirektor Florian Ludwig zum Auftakt des fast zweistündigen Abends, der ohne Unterbrechung einzig und allein dem zwölfteiligen Zyklus „Des Canyons aux toiles“ von Olivier Messiaen (1908 – 1992) gewidmet war. Ludwig stellte dem Publikum ein einzigartiges Erlebnis in Aussicht, das nicht alle Tage zu erleben sei.
Man möchte dem Dirigenten in diesem Punkt nicht widersprechen, denn das schier ausufernde Klangspektakel entpuppte sich tatsächlich als außergewöhnlich – und das sowohl im Hinblick auf denkünstlerischen Anspruch und seine zeitliche Ausdehnung als auch auf die Besetzung des Orchesters. Als die Zuhörer im Stadttheater vor Beginn ihre Plätze einnahmen, erblickten sie auf der Rückwand der Bühne die grandiose Landschaft von Canyons mit ihren bizarren Felsformationen, die sich mit Bildern des nächtlichen Sternenhimmels abwechselte. Dazu ertönte Vogelgezwitscher aus den Lautsprechern.
In Messiaens „Des Canyons aux étoiles“ steigt nämlich die Musik – bildlich gesprochen – aus den Schluchten der monumentalen Bergwelt hinauf bis zu den Sternen. Inspiriert von der majestätischen Landschaft, ihrer Einsamkeit und der sie bewohnenden Vögel, die der Komponist und leidenschaftliche Ornithologe auf einer Reise nach Utah erlebt hatte, komponierte er als Auftragswerk zum 200. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeit diesen Konzertzyklus. So bringt eine außergewöhnliche Orchesterbesetzung – unter anderem mit volltönendem Schlagwerk, Windmaschine, Glockenspiel und Sandtrommeln – die der Natur abgelauschten Töne in einem breit ausgewalzten Klangschauspiel zur Entfaltung, das dem aufmerksamen Zuhörer allerding alles abverlangt. Und da Messiaen als katholischer Mystiker die Musik schlechthin als Trägerin kosmischer Mysterien verstand, darf man seinen Zyklus gewiss auch als ein Hymnus auf die göttliche Schöpfung auffassen.
Unter der umsichtigen Leitung Ludwigs, dessen Finger beim Dirigieren der Windmaschine wie Vögel flatterten, zeigte sich jedoch, dass der Hymnus vornehmlich laute und schrille Töne hatte, dass das grenzüberschreitende Riesenwerk in seiner Wirkung erstaunlich beschränkt blieb, dass es sich trotz seines immensen Aufwandes als seltsam abwechslungsarm erwies. Obwohl das atmosphärische Miteinander stimmte, obwohl der Dirigent das Orchester mit nicht nachlassender Präzision und Leidenschaft durch die vielschichtige Gartitur führte, obwohl die vorzüglichen Solisten Herausragendes leisteten, so setzte sich im Laufe des Abends doch zunehmend der Eindruck einer gewissen Eintönigkeit fest, indem dem soeben Aufgeführten wie in einer Endlosschleife bereits Gehörtes hinzugefügt wurde. Die Musik bewegte sich fortwährend in einem dissonanten Kontinuum, das von den harten Stakkati und vielfach wiederkehrenden Tonfolgen des ebenso umfangreichen wie vertrackten Klavierparts dominiert wurde. Der virtuos agierende Pianist Markus Becker steuerte kaum Zwischentöne bei. So geriet sein Solo („Le moqueur polyglotte“) zu einem Härtetest für Konzertflügel und Zuhörer.
Solo-Hornist Martin Gericks nutzt ein „Appel interstellaire“ die Gelegenheit, die spieltechnischen Möglichkeiten seines Instruments aufblitzen zu lassen. Sergey Mikhaylenko am Glockenspiel und Richard Putz am Xylorimba riefen Assoziationen zu Vogelstimmen und dem Glitzern des Sternenhimmels hervor. Insgesamt aber war dieser Ausflug in die Canyons zu sehr von Getöse begleitet. Vergessen wird man ihn so bald nicht.
Theaterkostprobe
Die nächste Schauspiel-Premiere in der taT-Studiobühne zeigt die Deutsche Erstaufführung des ersten Theaterstücks von Caren Jeß: „Bookpink“. Erste Eindrücke der Produktion vermitteln Regieteam und Ensemble in einer Kostprobe am heutigen Donnerstag um 20 Uhr in der taT-Studiobühne. Die für das Stück von „Theater Heute“ als Nachwuchsautorin des Jahres ausgezeichnete Caren Jeß „verhandelt in sieben fantasievollen Vogeldramoletten die großen Themen unseres Zusammenlebens“, wie es in der Ankündigung heißt: Chancenungleichheit, Esoterik, Exotismus, eine komplizierte Mutter-Sohn-Beziehung, Geschlechtervielfalt, Einsamkeit, Barock, Pommes, Asbest: das sind Stichworte, mit denen Caren Jeß ihr Stück humorvoll beschreibt. Denn für die Autorin ist die Welt der Vögel der Welt der Menschen zum Verwechseln ähnlich. Davon erzählen heute Abend die Regisseurin Nora Bussenius, Dramaturg André Becker und die Schauspieler Roman Kurtz, Magnus Pflüger und Pascal Thomas. Und gleichzeitig präsentieren sie einen ersten szenischen Einblick in das kleine Stück Welttheater voller schräger Vögel, das am 21. Oktober seine Premiere feiert. Der Eintritt ist frei, eine kostenlose Reservierung im Ticketshop des Theaters wird jedoch benötigt. Für den Theaterbesuch gilt die 3G-Regel.
Thomas Schmitz-Albohn, 14.10.2021, Gießener Anzeiger