Kinder fressen Revolution - Wetzlarer Neue Zeitung

30.09.2011

Kinder fressen Revolution
Stück „Die fetten Jahre sind vorbei“ feiert im TiL Premiere

Der Revolutionär hat es schwer – wenn man dem Drama „Die fetten Jahre sind vorbei“ glauben möchte. Am Freitag hatte das Stück, das Gunnar Dreßler nach Hans Weingartners gleichnamigem Film arrangiert hat im Theater im Löbershof (TiL) Premiere.
Und der Funke sprang über, denn am Ende gab es kräftigen Applaus für die Inszenierung  von Carsten Fuhrmann. Lange Haare, Joints und Massenkundgebungen? Revolutionsrhetorik? Alles in seiner aufstachelnden Wirkung lange verpufft. T-Shirts mit Che-Guevara-Aufdruck? Längst ein Artikel der Massenmode.
Anarchos von heute brauchen eine besondere Idee. Die haben die beiden Freunde Jan, den Pascal Thomas als hitzköpfigen Sozialromantiker spielt, und Peter – Corbinian Deller als leicht muffeliger Pragmatiker. Gemeinsam steigen sie in Villen ein. Nein, nicht um zu klauen, sondern um ihren Slogan „Die fetten Jahre sind vorbei. Die Erziehungsberechtigten“ zu hinterlassen. Angst und Schrecken soll das unter den Reichen verbreiten.
Ironie der Geschichte
Doch das war es auch schon mit Revolutionsromantik, denn Fuhrmann geht es in seiner temporeichen und bös  zynischen Inszenierung in erster Linie darum, etwas ins Gebetsbuch zu schreiben. Die Ironie der Geschichte gibt das her, denn Jan entschließt sich, Peters Freundin Jule nachzugeben, die Marie Bauer als Melancholikerin auf die Bühne bringt , und mit ihr bei Jules Gläubiger Hardenberg einzubrechen. Und als Hardenber – Christian Lugerth als staubtrockener und witziger Ex-68- zurückkehrt, gerät die Situation außer Kontrolle. Mit Peter entführen die beiden den zu Geld gekommenen Alt-Revoluzzer. Was tun? Soll man die Situation nutzen, Hardenberg ein Schild um den Hals hängen und eine Entführung á la RAF inszenieren? Soweit gehen die die Pseudo-Rebellen dann doch nicht. Es ist der Clou des Stücks, dass Hardenberg die brenzlige Situation auflöst. Hier der Eine, den der Wohlstand zum Bonzen macht, dort die Drei, denen man den Habitus nicht recht abkauft. Immer wieder lugt dank guter schauspielerischer Leistungen hinter der rebellischen  Maskerade persönliche Frustration hervor, die die anarchische Tat als ein Stück Abenteuerspielplatz und Weltflucht entlarvt. Rocksongs, Lichteffekte und das pfiffige Bühnenbild von Udo Herbster, das vor allem aus drei großen beweglichen Stellwänden besteht, passen hervorragend dazu. In Windeseile entstehen weitgehend nackte Räume, was die Oberflächlichkeit der „Generation Spaß“ visuell gekonnt illustriert.
Und was bleibt am Ende vom gesellschaftskritischen Gedankengut? Nichts. Die Kinder haben die Revolution gefressen. Was nach Dreßlers und Fuhrmanns triefender Ironie im Übrigen auch für die 68er gilt. Stephan Scholz, 20. September 2011, Wetzlarer Neue Zeitung