Humperdincks Oper „Hänsel und Gretel“ in konzertanter Fassung im Stadttheater / „Kopfkino“ ist keine Lösung
Mit der Premiere einer konzertanten Fassung von Engelbert Humperdincks Oper „Hänsel und Gretel“ hat sich der designierte Generalmusikdirektor des Stadttheaters, Florian Ludwig, dem Gießener Publikum am Sonntagabend mit großem Erfolg als inspirierender Interpret des romantischen Repertoires vorgestellt. Das Auditorium, zunächst im Applaus eher zurückhaltend, bedachte Orchester und Dirigent schließlich mit warmem, ermutigendem Beifall. Damit ist musikalisch eine neue, wenn auch temporäre Phase für die Musiksparte des Hauses angebrochen.
Von der kommenden Spielzeit an wird Ludwig, der außerdem eine Professur für Dirigieren an der Musikhochschule Detmold innehat, die musikalische Ausrichtung des Hauses zwei Jahre lang maßgeblich bestimmen. Dass seine erste Arbeit nach der Bekanntgabe der Entscheidung vergangene Woche ausgerechnet diese berühmte Oper nach dem Grimm’schen Märchen ist, mit ihrer hochromantischen, liebevollen und wunderschönen, mit Liedeinlagen durchsetzten Musik, passt vorzüglich. Denn Ludwig schwebt vor, gerade das romantische und spätromantische Repertoire im Spielplan insgesamt zu stärken (ohne jedoch die bewährte Vielfalt aufzugeben). So konnte man ihn hier gleich in medias res gehen sehen (und hören) – obwohl die Auswahl des Stückes natürlich nicht mehr auf seine Entscheidung zurückgeht.
Für das Orchester dürfte Ludwigs Ernennung eine sehr gute Entscheidung sein. Ähnlich wie schon in Francis Poulencs Kurzoper „Die menschliche Stimme“, die Ludwig ja ebenfalls in dieser Spielzeit dirigiert (als Teil der Veranstaltung „Glaube. Liebe. Abschied“), agierte das Ensemble überwiegend konzentriert und homogen und ließ sich vom Dirigenten bereitwillig zu vielgestaltigen Abstufungen zwischen kitschig-romantischem Engelsgesang, derb-deftiger Volkstümlichkeit und walzerseliger Hexerei anstiften. Ouvertüre und instrumentale Zwischenspiele gerieten so zu kleinen, meisterlichen Klang-Zauberwelten.
Auch sonst war das Ganze musikalisch eine runde Sache. Gerade bei den titelgebenden Hauptrollen blieben keine Wünsche offen. Gretel wurde gesungen von Mirella Hagen, die damit ihr Debüt in Gießen gab. Ihr Sopran besitzt die notwendige Flexibilität zwischen naiv lyrischem Ton und der energetischen Lebhaftigkeit, die viele ihrer nicht ganz zufällig immer wieder leicht wagnerisch anmutenden Passagen erfordern. Sofia Pavone als Hänsel ergänzte sie nicht nur stimmlich erstklassig, sondern aufs Munterste auch im angedeuteten Rollenspiel. Die Handlung rahmend agierten Grga Peroš als stimmgewaltiger Peter Besenbinder und Heidrun Kordes als seine Frau Gertrud. Und auch das Sand- sowie Taumännchen konnte mit Natascha Jung aus dem Haus überzeugend besetzt werden.
Gespannt war man natürlich auf die Hexe: Mit bürstiger Besenfrisur und aufgeklebten grünen Wimpern ausgestattet, wurde diese Figur interpretiert von Rena Kleifeld. Deren eigentlich sonorer, tiefer Altlage kommt die Partie bei Humperdinck nicht entgegen; zu vermuten ist aber trotzdem, dass sich vereinzelte Buh- (und auch Bravo-)Rufe am Schluss wesentlich auf ihre böse Rolle bezogen. Überhaupt ließ man sich im Publikum von der Handlung auch alleine durch die Musik durchaus mitnehmen. Letztlich waren alle erleichtert, als die verzauberten Kinder, repräsentiert durch den ergreifend klar singenden Kinder- und Jugendchor (Einstudierung: Martin Gärtner), ihre Augen wieder aufschlugen.
Dass dem Ganzen die Inszenierung gefehlt hat, muss kaum eigens bemerkt werden. Viele Gründe können da eine Rolle spielen: Der Graben ist zu klein, vielleicht fehlen auch die finanziellen Mittel, und ohnehin geht die Planung noch auf den demissionierten GMD Michael Hofstetter zurück. Indes führt Intendantin Cathérine Miville im Programmheft einen anderen, irritierenden Beweggrund an, nämlich die widersprüchliche Vielfalt bereits existierender Produktionen und die Unmöglichkeit einer Entscheidung, an wen sich die Inszenierung denn überhaupt richten solle. Wenn das wirklich so wäre, dann wäre das eine Bankrotterklärung des Theaters. Die Lösung des vermeintlichen Problems kann nicht darin bestehen, Musiktheater nicht mehr zu inszenieren. Zu verlangen, dass sich das Publikum gleichsam seine Interpretation selber denken solle (Miville schreibt: „jedem sein Kopfkino“) bedeutet eine Flucht vor der Übernahme künstlerischer Verantwortung. Die in dieser Spielzeit ausgerufene „Res Publica“ des Theaters wäre dann bloß noch Privatsache.
Karsten Mackensen, 18.02.2020, Gießener Anzeiger