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Wal­la­ce weit­ge­hend ent­kernt - Gießener Anzeiger
03.11.2018

Dra­ma­ti­sie­rung von „Kur­ze In­ter­views mit fie­sen Män­nern“ auf der taT-Stu­dio­büh­ne über wei­te Stre­cken miss­lun­gen

Zum zehn­ten Mal hat sich im Sep­tem­ber der To­des­tag von Da­vid Fos­ter Wal­la­ce und da­mit ei­nes der be­deu­tend­sten zeit­ge­nös­si­schen Schrift­stel­ler ge­jährt. Mit der In­sze­nie­rung „Kur­ze In­ter­views mit fie­sen Män­nern“ wen­det sich das Stadt­thea­ter nun dem Werk des US-Ame­ri­ka­ners zu. Am Don­ners­tag hat­te das Stück im taT Pre­mie­re.

Rund 90 Mi­nu­ten dau­ert der Thea­ter­abend von Re­gis­seur Chris­ti­an Lu­gerth, der sich be­müht, den 1999 im Ori­gi­nal er­schie­ne­nen gleich­na­mi­gen Er­zähl­band zu dra­ma­ti­sie­ren. Im Er­geb­nis sieht das so aus: Über wei­te Stre­cken des Abends sit­zen die drei Schau­spie­ler Se­bas­ti­an Son­gin, Ha­rald Schnei­der und Da­vid Moor­bach auf drei Po­de­sten. Im Hin­ter­grund hat Büh­nen­bild­ner Lu­kas Noll ei­ne Art Kran­ken­haus­op­tik ge­schaf­fen, durch die Wil­fried We­yl als stum­mer Pfle­ger tourt. Spra­che steht im Zen­trum: Die drei Haupt­fi­gu­ren re­zi­tie­ren im We­sent­li­chen den Text von Da­vid Fos­ter Wal­la­ce, was den Abend sehr sta­tisch macht. Ge­le­gent­lich kommt Be­we­gung in die Sa­che, wenn der Pfle­ger ei­nem der Pro­ta­go­nis­ten am En­de ei­ner Re­zi­ta­ti­on ein Be­ru­hi­gungs­mit­tel ver­ab­reicht oder je­mand mal eben un­mo­ti­viert Ten­nis­bäl­le an ei­ne Wand drischt. Die Schau­spie­ler ma­chen al­les­amt ei­nen gu­ten Job. Sie spre­chen ge­konnt, wo­bei vor al­lem Schnei­der et­wa in der Mit­te des Abends bei der Er­zäh­lung ei­nes Va­ters über sei­nen Sohn sei­ne gan­ze Klas­se auf­blit­zen lässt.

Gu­te Schau­spiel­leis­tung

Doch auch die gu­ten Leis­tun­gen der Schau­spie­ler kön­nen nicht da­rü­ber hin­weg­täu­schen, dass die In­sze­nie­rung über wei­te Stre­cken miss­lun­gen ist. Zu­nächst wird wie­der ein­mal deut­lich, dass die Dra­ma­ti­sie­rung von Er­zähl­tex­ten wie eben Kurz­ge­schich­ten we­nig sinn­voll ist. Ei­ne Aus­nah­me ent­steht, wenn ein Text durch die Dra­ma­ti­sie­rung viel­leicht zu­sätz­li­che Tie­fe ge­winnt. Aber In­sze­nie­run­gen wie je­ne im taT, bei der Schau­spie­ler die meis­te Zeit im Sit­zen Tex­te auf­sa­gen, er­ge­ben eben kei­nen Sinn, weil der Gat­tungs­wech­sel über­haupt kei­nen künst­le­ri­schen Ge­winn bringt.

Da­mit ist ei­ne gro­ße Schwä­che der In­sze­nie­rung an­ge­spro­chen, die eher wie ei­ne Le­sung wirkt. Da­ran än­dert auch die durch den Pfle­ger be­weg­te Kran­ken­haus­at­mo­sphä­re nichts, die oh­ne­hin mit der Vor­la­ge von Wal­la­ce so gar nichts zu tun hat. Schlim­mer noch: Durch die Ver­or­tung des Tex­tes in ei­ner Kli­nik wer­den die Ge­schich­ten des Schrift­stel­lers ver­armt, ver­frem­det und ih­rer Tie­fe be­raubt.

Die Tex­te des Ame­ri­ka­ners, des­sen Haupt­werk „Un­end­li­cher Spaß“ 1996 im Ori­gi­nal er­schie­nen ist, sind im We­sent­li­chen der Strö­mung der so­ge­nann­ten Neu­en Ernst­haf­tig­keit zu­zu­ord­nen. We­sent­li­cher Im­puls die­ser Strö­mung ist ei­ne mas­si­ve Hin­wen­dung zur Rea­li­tät, auch von Zwi­schen­mensch­lich­keit. Bei Da­vid Fos­ter Wal­la­ce kommt die­ser An­satz als über­zeug­ter Hu­ma­nis­mus da­her: Er ver­tritt ei­ne Phi­lo­so­phie, nach der nur der­je­ni­ge wirk­lich frei ist, der sich sei­nen Mit­men­schen mit vol­ler Auf­merk­sam­keit zu­wen­det. Ego­is­mus und über­mä­ßi­ge Selbst­be­zo­gen­heit sind nach die­ser Phi­lo­so­phie so­wohl Bar­rie­ren ge­gen­über dem an­de­ren als auch sub­jek­ti­ves ge­dank­li­ches Ge­fäng­nis, das von der Teil­nah­me am wah­ren Le­ben ab­hält.

Mit den Fi­gu­ren in Tex­ten wie den Er­zäh­lun­gen des Ban­des „Kur­ze In­ter­views mit fie­sen Män­nern“ macht Wal­la­ce sei­nen Le­sern die­se Phi­lo­so­phie zu­gäng­lich. Das Ego­is­ti­sche und nach die­ser Phi­lo­so­phie Le­bens­feind­li­che wird dem Le­ser an den fie­sen Män­nern in al­ler Kon­se­quenz ge­spiegelt. Da­hin­ter ver­birgt sich li­te­ra­ri­sches En­ga­ge­ment von fast Sar­tre­schem Aus­maß. Denn in­dem der Ame­ri­ka­ner die Fies­hei­ten aus dem Le­bens­kon­text sei­ner Le­ser nimmt, wird ei­ne Art kat­har­ti­scher Iden­ti­fi­ka­ti­on mög­lich, die dem Re­zi­pien­ten die Ref­le­xi­on von Selbst­be­zo­gen­heit und ih­rer Fol­gen mög­lich macht.

Doch ge­nau die­se Phi­lo­so­phie, die für ih­re vol­le Ent­fal­tung eben den un­mit­tel­ba­ren Be­zug zur zwi­schen­mensch­li­chen Al­ler­welts­rea­li­tät der Re­zi­pien­ten braucht, eli­mi­niert das Te­am um Lu­gerth völ­lig. Die Ver­or­tung in ei­nem Kli­nik­kon­text ver­baut den un­mit­tel­ba­ren Be­zug zur Le­bens­welt der meis­ten Zu­schau­er und schafft da­mit ge­nau die zwi­schen­mensch­li­che Dis­tanz, ge­gen die Wal­la­ce ei­gent­lich an­schreibt. Po­in­tiert ge­sagt: Auf der Stu­dio­büh­ne wird das Werk prak­tisch völ­lig ent­kernt und aufs Kau­zi­ge und An­ek­do­ti­sche re­du­ziert. Wer sich wirk­lich mit den ge­nia­len Er­zäh­lun­gen die­ses en­ga­gier­ten Au­tors be­fas­sen will, der greift bes­ser zum Er­zähl­band.


Ste­phan Scholz, 03.11.2018, Gießener Anzeiger

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