Mithilfe beim Umblättern dringend erwünscht: „Kammerkonzert Spezial“ im Großen Haus des Stadttheaters mit Programm von Brahms bis Piazzolla
Die „Camera“ kann auch größeren Ensembles Raum bieten, wie das „Kammerkonzert Spezial“ mit Mitgliedern des Philharmonischen Orchesters am Freitagabend zeigte. Diesmal fand es nicht im kleineren Rahmen des Foyers statt, sondern auf der großen Bühne des Stadttheaters, um auch akustisch für die Besetzungen bis hin zu neun Spielern Luft zu haben.
Das anspruchsvollste Stück des Abends war ohne Zweifel Johannes Brahms’ 3. Violinsonate, dramatisch, lyrisch und furios schwer – nicht zuletzt für den Pianisten. Technisch konnte Evgeni Ganev diese Herausforderung auch sehr wohl bewältigen. Aber, Donnerwetter noch eins: Stellt dem Mann doch mal jemandem zum Blättern an die Seite! So kann da keine Musik draus werden, wenn jede halbe Minute der Fluss der Hand, der Musik und jeder größeren Formung durch hektisches, lautes und äußerst sichtbares Umwenden unterbrochen wird. Das kann auch der Geigenpart dann nicht mehr zusammenhalten – und wenn er noch so virtuos gespielt wird, wie in diesem Fall von Ivan Krastev, dessen zunehmend intensivem Spiel (nach etwas brüchigem Anfang) zuzuhören wirklich Vergnügen bereitet hat.
Apropos Vergnügen: Ungleich entspannter gestalteten sich musikalisch viele weitere Stücke in der angenehm informellen Atmosphäre auch im großen Saal. So präsentierte das Duo „Himmel und Erde“ (Kurt Förster und Hye-Jin Kang) unter anderem eine äußerst geerdete Version von Jules Massenets „Meditation aus Thais“ für Posaune und Harfe. Und Charles Gounods „Petite Symphonie“ für neun Bläser wurde in ihrer Mendelssohn und Mozart beschwörenden Transparenz zum leichtfüßigen Triumph der Holzbläsergruppe unter Leitung der als Solistin in der Partitur absichtlich etwas herausgestellten Flöte (Carol Brown).
Auch das berühmte „Amerikanische Streichquartett“ von Antonín Dvorák ist bei allem Anspruch äußerst verspielt, voller Witz und Schwung. Im Prinzip ist das dem Quartett (Cornelius Jensen, Gowoon Baek, Karolina Rybka, Attila Hündöl) auch gut gelungen. Die Konzentration brach allerdings nach einem meditativ schlichten Lentosatz im Molto vivace des dritten ein. Das enthusiastische Finale konnte dann das Publikum aber wieder mitreißen.
Die Rahmung des Konzerts besorgten die Blechbläser in Oktett-Besetzung. Los ging es mit doppelchörigen Sätzen aus dem Venedig der Renaissance von Giovanni Gabrieli, sozusagen ganz herkömmlich. Aber dann: Wunderbar sentimental Johannes Osswald am Flügelhorn mit „Gabriellas Sång“ von Stefan Nilsson; fetzig die Ouvertüre zur Operette „Das trojanische Boot“. Astor Piazzolla, der berühmte argentinische Tango-Komponist, machte den Abschluss mit einer Bearbeitung seiner Suite aus „Maria de Buenos Aires“ – große, schmissige Kunst des geballten Blechs.
Karsten Mackensen, 17.09.2018, Gießener Anzeiger