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Und die Show be­ginnt – Gießener Anzeiger
24.09.2018

300 Schü­ler, 82 Mu­si­ker, 19 Cho­reo­gra­fen: Rie­sen­ap­plaus für Ge­samt­kunst­werk „Sur­ro­ga­te Ci­ties“ in Gie­ße­ner Ost­hal­le

Die Ost­hal­le prak­tisch aus­ver­kauft, der Ab­lauf feh­ler­frei, der Schluss­ap­plaus rich­tig stark und lang: Die sze­ni­sche Auf­füh­rung der Or­ches­ter­sui­te „Sur­ro­ga­te Ci­ties“ von Hei­ner Go­eb­bels am Sams­tag war ein vol­ler Er­folg – und ein mar­kan­ter kul­tu­rel­ler Ak­zent.

Das pass­te per­fekt in die Rei­he der Fei­er­lich­kei­ten zum 50-jäh­ri­gen Be­ste­hen der Ge­samt­schu­le Gie­ßen Ost: „Ei­ne ju­gend­lich dy­na­mi­sche Groß­pro­duk­ti­on mit opu­len­tem Or­ches­ter, Stim­men, Sam­pler, klei­nen und gro­ßen Tän­zern“, hat­te das Thea­ter an­ge­kün­digt und da­mit nicht zu­viel ver­spro­chen. Mar­tin Spahr war der mu­si­ka­li­sche Lei­ter, Ta­rek As­sam, Tanz­chef des Gie­ße­ner Stadt­thea­ters, über­nahm die sze­ni­sche Ge­samt­lei­tung, die Klang­re­gie hat­te Nor­bert Om­mer. Die et­was kar­ge Aus­stat­tung stamm­te von Lu­kas Noll, das Licht von Ta­rek As­sam und Klaus Nass, und die Pro­duk­ti­ons­lei­tung lag bei Han­nes Schla­de­bach. Der Ju­gend­club „Spiel­trieb“ des Thea­ters bau­te die Ku­lis­sen auf. Die ge­sun­ge­nen und ge­spro­che­nen Tex­te stam­men von Paul Aus­ter, Hei­ner Mül­ler, und Hu­go Ha­mil­ton. Der Ge­sang kam von Jo­ce­lyn B. Smith und Da­vid Moss aus New York, Spre­cher war Ro­man Kurtz. Als Break­dan­cer agier­ten Ab­tin Afs­har Ghot­lie, An­ton Wag­ner und Fe­de­ri­co Aled­da; ihr Bei­trag wird zwar gut be­klatscht, ist je­doch nur pe­ri­pher sicht­bar. Die Stadt hat ei­ne be­son­de­re Be­zie­hung zum in­ter­na­tio­nal re­nom­mier­ten Kom­po­nis­ten und Thea­ter­künst­ler, der lan­ge das In­sti­tut für An­ge­wand­te Thea­ter­wis­sen­schaf­ten lei­te­te und die letz­te Aus­stel­lung in der Kunst­hal­le be­stritt. Go­eb­bels, Jahr­gang 1952 („Ich bin kein Kom­pos­ter“), ist be­kannt für ex­pe­ri­men­tel­le wie tief­grün­di­ge In­hal­te. Und der krea­ti­ve Tanz­chef As­sam stets für ei­ne Über­ra­schung gut.

19 Cho­reo­gra­fen, 300 Schü­ler, 82 Mu­si­ker und ein Spre­cher: Zehn Schul­klas­sen der Ost­schu­le woll­ten zu­sam­men mit den Pro­fis die Klän­ge zum Le­ben er­we­cken. Zahl­rei­che Tän­zer der Tanz­com­pag­nie er­ar­beit­eten mit den Schü­lern die Cho­reo­gra­fien, was zu ei­nem auf­fal­lend dif­fe­ren­zier­ten Er­geb­nis führ­te; wahr­lich ein Groß­pro­jekt.

Zu­nächst spürt man je­doch nur gro­ße Er­war­tun­gen. Das durch­misch­te Pu­bli­kum, da­run­ter auf­fal­lend vie­le Kin­der, ist schon früh ge­kom­men, stau­nend wird die Büh­ne be­trach­tet. Auf dem Spiel­feld ist auf ei­nem hel­len Tep­pich das kom­plet­te Phil­har­mo­ni­sche Or­ches­ter plat­ziert, zwei Schlag­wer­ker ste­hen be­reit, ein Ge­rüst trägt Schein­wer­fer und ei­ne Über­tra­gungs­an­la­ge, Lich­ter­ket­ten um­ge­ben das Ge­viert; es ist warm.

Dann geht pünkt­lich das Licht aus, Mar­tin Spahr hebt den Arm, und die Show be­ginnt. Mit ge­räu­schun­ter­füt­ter­ten col­la­gier­ten Ele­men­ten brei­tet sich ein Klang­tep­pich aus, der – al­le In­stru­men­te sind mi­kro­fo­niert – durch die Über­tra­gung hoch­trans­pa­rent in die Hal­le ge­bracht wird, wie bei ei­nem Pop­kon­zert, nur nicht so laut. Das Pu­bli­kum ist noch un­schlüs­sig – ist es ein Schul­kon­zert oder ein Thea­ter­stück mit Schü­lern oder viel­leicht Thea­ter?

Bald lau­fen die er­sten Schü­ler ein, for­mie­ren sich zu lo­sen Fi­gu­ren, stets in Be­we­gung, stumm. Die­se Grup­pen tau­chen an al­len E­cken der Hal­le auf und ge­hen wech­sel­haft ab: Be­mer­kens­wert kon­zen­triert wa­ren die Kids (prak­tisch nie­mand zupf­te an den Kla­mot­ten), und die ver­sam­mel­te, auch mi­mi­sche Ge­schloss­en­heit mach­te sich im gro­ßen Gan­zen deut­lich be­merk­bar – die­se Ju­gend­li­chen ha­ben ver­stan­den, dass sie Thea­ter ma­chen. Und da­bei war die Ge­ne­ral­pro­be in die Ho­se ge­gan­gen.

Schau­spie­ler Ro­man Kurtz be­ginnt sei­ne Tex­te zu spre­chen, die Mu­sik fließt wei­ter, mehr Kids tre­ten auf, dann setzt bald Da­vid Moss ei­nen pro­vo­kan­ten Ak­zent. Sein Bei­trag ist ei­ne Mi­schung aus Ge­sang, Spra­che und Schrei­en oh­ne Text, er be­wegt sich mit­ten un­ter den be­weg­ten Tän­zern, sei­ne Stim­me er­füllt den gan­zen Raum. Di­rekt sinn­stif­tend ist das nicht, aber man be­schließt schnell, dass es da­rauf nicht an­kommt.

Mar­tin Spahr lässt das Phil­har­mo­ni­sche Or­ches­ter per­fekt agie­ren, mit spür­bar ho­hem En­ga­ge­ment. Das En­sem­ble ist gut dis­po­niert und agiert mit ta­del­lo­ser Ge­schloss­en­heit, was man bei der Über­tra­gung gleich­sam wie durch ei­ne Lu­pe re­gis­triert: Auch die klein­sten Ef­fek­te, Stra­ßen­ge­räu­sche (die zu­wei­len auch vom En­sem­ble kom­men) oder sons­ti­ges sind mü­he­los zu er­ken­nen. In der Hal­le ent­steht ei­ne Art Ge­samt­klang, der den Zu­hö­rer um­hüllt. Wäh­rend­des­sen agie­ren im­mer ir­gend­wo Tän­zer, es gibt den gan­zen Abend kei­nen Still­stand, das Pu­bli­kum ap­plau­diert in den Satz­pau­sen. Über­haupt: Es fällt auch den Er­wachs­enen schwer, zu­zu­hö­ren. Im­mer gibt es was zu tu­scheln – die Ein­drü­cke sind of­fen­kun­dig stark. Ei­ne Frau be­nutzt nach ei­ner Vier­tel­stun­de un­un­ter­bro­chen ihr takt­voll ab­ge­dun­kel­tes Han­dy. Wo­für ist sie hier? Spä­ter macht sie ein paar Bil­der. Vie­le Men­schen sind nicht im Thea­ter an­ge­kom­men, aber schließ­lich sit­zen sie ja in ei­ner Sport­hal­le. Lang­sam wir es ru­hi­ger. Ganz dis­kret, fast un­merk­lich, bau­en die Mit­glie­der des Ju­gend­clubs Tanz peu à peu die wei­ßen Blö­cke auf, die sym­bo­li­schen Stadt­mau­er­tei­le.

Im­mer wie­der wan­delt sich die höchst ab­wech­slungs­rei­che, mit mo­der­nen Ele­men­ten struk­tu­rier­te Mu­sik der „Er­satz­städ­te“ zu hef­ti­gen rhyth­mi­schen Par­tien, man­che sind fast tanz­bar, es gibt stän­dig Ge­räusch­zu­sät­ze, der gro­ße Fluss rauscht wei­ter, ei­gent­lich gibt es näm­lich kei­ne Pau­sen, nur Mo­men­te des In­ne­hal­tens. Schließ­lich tritt Sän­ge­rin Jo­ce­lyn Smith da­zu, sie singt ei­nen blue­si­gen Song, spä­ter agiert noch mal Da­vid Moss. Die Zeit ver­geht wie im Flu­ge. All­mäh­lich ver­ebbt dann der Mu­sik­strom, der von zweck­dien­li­chem Licht be­glei­tet wird. Die ju­gend­li­chen Tän­zer schrei­ten im­mer noch mit ern­sten kon­zen­trier­ten Ge­sicht­ern durch ih­re Fi­gu­ren, lö­sen beim Be­trach­ter im­mer noch gleich­sam pa­ra­do­xe Emp­fin­dun­gen und Ge­dan­ken aus.

Hei­ner Go­eb­bels‘ sze­ni­sches Kon­zert formt sich an die­sem Abend un­ter be­mer­kens­wer­tem En­ga­ge­ment al­ler Be­tei­lig­ten zu ei­nem Groß­er­leb­nis aus Sound, Mu­sik, Tanz und Licht, das den Cha­rak­ter der pro­sa­ischen Hal­le in je­der Hin­sicht trans­zen­diert und auch die Zu­hö­rer spon­tan zu hef­ti­gem Ap­plaus mo­ti­viert, der sehr lan­ge an­hält: Voll­tref­fer.


Heiner Schultz, 24.09.2018, Gießener Anzeiger

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