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  • JUPP – EIN MAULWURF AUF DEM WEG NACH OBEN
  • Pressedetail
Thea­ter­tie­re kön­nen es bes­ser - Gießener Anzeiger
28.11.2018

Fa­mi­li­en­stück „Jupp – Ein Maul­wurf auf dem Weg nach oben“ nimmt Pu­bli­kum mit un­ter die Büh­ne und hin­ter die Ku­lis­sen

Wer ein­mal dem Zau­ber des Thea­ters er­le­gen ist, der will ir­gend­wann auch wis­sen, aus wel­chen Be­stand­tei­len die­ser Zau­ber zu­sam­men­ge­setzt ist. Ge­nau­so geht es Maul­wurf Jupp, der sich im neu­en Fa­mi­li­en­stück zur Weih­nachts­zeit da­ran macht, die Ge­heim­nis­se auf und hin­ter der Büh­ne des Stadt­thea­ters zu er­kun­den. Un­ter der Re­gie von Chris­ti­an Lu­gerth ist mit „Jupp – Ein Maul­wurf auf dem Weg nach oben“ ein kurz­wei­li­ges, mit ein­gän­gi­gen Lie­dern und Tanz­ein­la­gen an­ge­rei­cher­tes Schau­spiel­ver­gnü­gen ent­stan­den, an dem Kin­der ab sechs Jah­ren ei­ne Men­ge Spaß ha­ben – und bei dem auch die er­wachs­enen Be­glei­ter noch et­was ler­nen kön­nen.

Jupp ist „27 Wo­chen und zwei Ta­ge alt“, stammt aus Lol­lar und hat sich ki­lo­me­ter­weit bis zur Un­ter­büh­ne des Stadt­thea­ters durch­ge­gra­ben. Jetzt steht er hier, di­rekt un­ter der Büh­ne des Gro­ßen Hau­ses, und er­fährt, wer wirk­lich für den Er­folg der Stü­cke zu­stän­dig ist: die an die­sem Ort le­ben­den Thea­ter­tie­re. An­ge­führt wer­den sie von ei­ner for­schen Kat­ze, hin­zu kom­men zwei al­te Thea­ter­ha­sen so­wie ein Mar­der, der sich um Büh­nen­tech­nik, Ku­lis­sen und vor al­lem die wohl­schme­cken­den Ka­bel küm­mert (Kos­tü­me: Tho­mas Döll).

Ge­mein­sam neh­men sie Jupp – und da­mit auch das Pu­bli­kum – mit auf ei­ne Er­kun­dungs­rei­se durch das al­tehr­wür­di­ge Haus, für die der in Gie­ßen viel­be­schäf­tig­te Re­gis­seur Lu­gerth (zu­letzt: „Kur­ze In­ter­views mit fie­sen Män­nern“) und sein Büh­nen­bild­ner Udo Herb­ster die Per­spek­ti­ve um­ge­dreht ha­ben. Die sonst den Bli­cken ver­bor­ge­ne Un­ter­büh­ne ist nun Schau­platz der Ge­schich­te und – wer hät­te das ge­dacht? – auch der Ort, an dem al­le Thea­ter­fä­den zu­sam­men­lau­fen. Von hier un­ten aus grei­fen die Tie­re be­hut­sam und un­er­kannt in das Ge­sche­hen ein, das sich im Stock­werk über ih­nen ab­spielt. Sie ge­ben ver­gess­li­chen Schau­spiel­ern das pas­sen­de Stich­wort, der Ku­lis­se mit dem Pin­sel ei­nen gol­de­nen Far­bans­trich und den Re­gis­seu­ren man­chen ori­gi­nel­len Ein­fall, oh­ne dass die Men­schen et­was da­von ah­nen. Die Wir­kung ih­rer Ein­fluss­nah­me kön­nen sie durch ein rie­si­ges Pe­ris­kop ver­fol­gen, wäh­rend ih­re Er­zäh­lun­gen den Zu­schau­ern ein plas­ti­sches Bild vom Ge­sche­hen auf der Büh­ne über der Büh­ne ver­mit­teln.

Nun hat sich auch Maul­wurf Jupp auf sein Le­ben als Thea­ter­tier vor­be­rei­tet. So weiß er et­wa, dass es ko­mi­sche, ge­fähr­li­che und span­nen­de Stü­cke gibt, wie er an­hand ei­ner Ba­na­nen­scha­le zu de­mon­strie­ren weiß. Aber sei­ne Neu­gier lässt ihn auch un­vor­sich­tig wer­den, und so bringt er mit ei­nem Auf­tritt wei­ter oben die Pro­ben fast zum Plat­zen. Das Mär­chen „Frosch­kö­nig“ steht auf dem Spiel­plan, aber nun droht ei­ne Ab­sa­ge. Doch dann wä­re das Thea­ter plei­te, wie die Kat­ze bei ei­nem heim­li­chen Be­such des In­ten­dan­tin­nen­bü­ros fests­tellt. Al­so müs­sen die Tie­re nun sel­ber ran, um das tra­di­ti­ons­rei­che Haus vor dem Schei­tern zu ret­ten.

Um­ge­dreh­te Per­spek­ti­ve

Das Stück aus der Fe­der von Ger­trud Pi­gor er­zählt so ge­witzt wie lehr­reich da­von, wie es im Thea­ter zu­geht. Da gibt es Schau­spie­ler, die stän­dig ih­ren Text ver­ges­sen, die das Lam­pen­fie­ber plagt und die so ei­tel sind, dass sie sich wei­gern, in das Kos­tüm ei­nes Tie­res zu schlüp­fen. Hin­zu kommt in die­sem Fall ein jun­ger, un­er­fahr­ener Re­gis­seur, dem es schwer­fällt, das Cha­os zu bän­di­gen, wie die er­fahr­enen Thea­ter­tie­re er­ken­nen. Man ahnt, dass das al­les so weit von der Rea­li­tät nicht ent­fernt sein muss. Und dann ist da noch die Tech­nik hin­ter der Büh­ne, die je­der­zeit für Är­ger sor­gen kann. Schließ­lich ist das Haus schon 111 Jah­re alt, was sich zeigt, wenn der Frosch an ei­nen Pfei­ler klopft – und so­fort der Staub von der De­cke rie­selt.

In ei­ner gu­ten Stun­de Spiel­zeit er­hal­ten die Zu­schau­er auf die­se Wei­se vie­le span­nen­de Ein­bli­cke ins Thea­ter­le­ben. Über­for­der­te Schau­spie­ler, knap­pe Kas­sen und ma­ro­de Tech­nik ge­hö­ren al­so da­zu. Aber auch fes­te Ri­tua­le, gro­ße Neu­gier und vor al­lem die gro­ße Lei­den­schaft für die ge­mein­sa­me Büh­nen­sa­che. Was bleibt den Kin­dern denn sonst, wenn es kein Thea­ter mehr gibt? Na, „Han­dys, Vi­deos, Net­flix“, fällt dem al­ten Thea­ter­ha­sen ein. Doch das ist al­les nichts ge­gen die Fas­sung des „Frosch­kö­nigs“, mit der die Tie­re – und das en­ga­gier­te En­sem­ble – schließ­lich ihr Pu­bli­kum für sich ein­neh­men. Al­lein die­se wun­der­ba­re Schluss­epi­so­de zeigt, wel­chen Zau­ber das Thea­ter ent­fa­chen kann – bei klei­nen wie bei gro­ßen Zu­schau­ern.


Björn Gau­ges, 28.11.2018, Gießener Anzeiger

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