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Glo­ria als Hö­he­punkt - Gießener Anzeiger
06.12.2018

Vier­tes Sin­fo­nie­kon­zert des Phil­har­mo­ni­schen Or­ches­ters im Stadt­thea­ter

Pas­send zum Be­ginn der Ad­vents­zeit er­klan­gen im vier­ten Sin­fo­nie­kon­zert des Phil­har­mo­ni­schen Or­ches­ters geist­li­che Chor­wer­ke des 19. Jahr­hun­derts. Un­ter der flüs­si­gen und kla­ren Lei­tung des lang­jäh­ri­gen Chor­di­rekt­ors und stell­ver­tre­ten­den Ge­ne­ral­mu­sik­di­rekt­ors, Jan Hoff­mann, füg­ten sich meh­re­re En­sem­bles zu ei­nem er­freu­lich ho­mo­ge­nen Klang­kör­per. Da­zu ge­hö­ren ne­ben Chor, Ex­tra­chor und Or­ches­ter des Stadt­thea­ters noch der Gie­ße­ner Kon­zert­ver­ein und die Wetz­la­rer Sin­ga­ka­de­mie.

Auf dem Pro­gramm im Gro­ßen Haus stan­den Wer­ke von Fe­lix Men­dels­sohn Bart­hol­dy und Gia­co­mo Puc­ci­ni – und da­mit zwei ganz un­ter­schied­li­che Wel­ten geist­li­cher Mu­sik. Und zwar nicht nur sti­li­stisch – mit der ro­man­ti­schen Kom­po­si­ti­ons­wei­se bei dem ei­nen, ei­ner ver­is­ti­schen Klang­welt bei dem an­de­ren –, son­dern auch kon­fes­sio­nell: Die Prä­senz von fei­er­lich-stren­gen Lut­her-Cho­rä­len in Men­dels­sohns Mu­sik er­öff­net ei­ne an­de­re Form der Spi­ri­tua­li­tät als die aus­la­den­de Opu­lenz der ka­tho­li­schen Mess­ver­to­nung Puc­ci­nis.

Ei­nes ha­ben sie da­bei si­cher­lich ge­mein­sam: Bei al­ler Er­bau­lich­keit sind sie nicht pri­mär für die Kir­che kom­po­niert; ihr wah­rer Ort ist der Kon­zert­saal. Die­ses schein­ba­re Pa­ra­dox – ei­ner geist­li­chen Mu­sik in ei­nem welt­li­chen Um­feld – set­zen die bei­den Kom­po­nis­ten in sehr un­ter­schied­li­cher Wei­se um.

Die Ou­ver­tü­re zum Ora­to­ri­um „Pau­lus“ mach­te den An­fang. Sie führt un­mit­tel­bar in die zwi­schen as­ke­ti­scher Stren­ge und ro­man­ti­schem Klang­zau­ber an­ge­sie­del­te Welt Men­dels­sohns, wie sie kom­po­si­to­risch nicht zu­letzt ge­prägt war durch sei­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit Jo­hann Se­bas­ti­an Bach.

Sinn­li­che Spi­ri­tua­li­tät

Das ist nicht zu über­hö­ren, zum Bei­spiel in der Fu­ge (schlank und durch­hör­bar im Or­ches­ter). Pas­send zur Weih­nachts­zeit folg­te die „Ge­burt Je­su“ aus dem spä­ten und un­vol­len­de­ten Ora­to­ri­um „Chris­tus“ mit sei­nem be­ste­chend schlich­ten Män­ner-Ter­zett „Wo ist der neu­ge­bor­ne Kö­nig der Ju­den?“ und dem ver­trau­ten Cho­ral „Wie schön leuch­tet der Mor­gen­stern“. Der er­ste Chor aus der Kan­ta­te „Vom Him­mel hoch“ bil­de­te den Ab­schluss die­ses Teils – die­se Nach­richt ließ Hoff­mann mu­si­ka­lisch zu­nächst fast ge­mäch­lich her­nie­der­sin­ken; der Nach­druck der Fu­ge und die Pau­ke im Schluss­cho­ral klan­gen un­ter­schwel­lig be­droh­lich.

We­ni­ger streng geht es von An­fang an bei Puc­ci­ni zu; der er­ste Ton schon ver­setzt in die klang­li­che Sphä­re des Ver­is­mo. Nach kur­zer Zeit fand auch das Or­ches­ter in den Ton­fall des Ky­rie mit sei­nen kan­ta­blen Ly­ris­men hin­ein. Die Li­ni­en ge­stal­te­te Hoff­mann flie­ßend und oh­ne un­nö­ti­ge Stau­un­gen; der Chor folg­te ihm gut.

Den Hö­he­punkt in je­der Hin­sicht die­ses Werks bil­det dann das um­fang­rei­che Glo­ria, nach dem die Mes­se auch häu­fig als „Mes­sa di Glo­ria“ be­zeich­net wird – ein­fach, weil das Stück so spek­ta­ku­lär ist. Man muss nur die Au­gen schlie­ßen und fühlt sich so­fort in ei­ne dra­ma­ti­sche Operns­ze­ne­rie ver­setzt, un­ge­heu­er le­ben­dig, le­bens­nah ist die­ser Ju­bel, gänz­lich welt­zu­ge­wandt, wä­re da nicht der la­tei­ni­sche Text. Dies ist ei­ne sinn­li­che Spi­ri­tua­li­tät, die sehr viel mit ganz ir­di­schem Le­ben und Lie­ben zu tun hat.

Be­schwingt, fast zum Mit­sin­gen ein­la­dend, ge­riet der lang­sa­me Marsch im „Qui tol­lis“. Das „Gra­ti­as agi­mus ti­bi“ ge­stal­te­te der al­ba­ni­sche Te­nor Adri­an Xhe­ma dem­ent­spre­chend thea­tral mit Schmelz und Sü­ßig­keit in der Stim­me. Am Gie­ße­ner Haus war er un­ter an­de­rem schon als Tu­rid­du in Ma­scag­nis „Ca­val­le­ria rus­ti­ca­na“ zu hö­ren und es ist ge­nau die­se Stimm­qua­li­tät, die auch Puc­ci­ni braucht. Grga Pe­roš, Mit­glied des Gie­ße­ner En­sem­bles, über­nahm den Ba­ri­ton-Part; stimm­ge­wal­tig und von gro­ßer Klar­heit et­wa im „Cru­ci­fi­xus eti­am pro no­bis“. Das „Do­na no­bis pa­cem“ ge­stal­te­te das En­sem­ble in ru­hig schrei­ten­dem Duk­tus, oh­ne Hast aus­klin­gend.


Karsten Mackensen, 06.12.2018, Gießener Anzeiger

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