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Er­in­ne­rung an ei­nen Gro­ßen des Jazz – Gießener Anzeiger
08.10.2018

Big­band des Hes­si­schen Rund­funks er­in­nert im Stadt­thea­ter an den Trom­pe­ter Chet Ba­ker – und ern­tet Be­geis­te­rungs­stür­me

Vor 30 Jah­ren starb der le­gen­dä­re Jazz-Trom­pe­ter Chet Ba­ker. Ihm zu Eh­ren ge­stal­te­te die Big­band des Hes­si­schen Rund­funks ei­nen Abend un­ter der Über­schrift „Ode to Chet Ba­ker“. Das Kon­zert am Sams­tag­abend im Stadt­thea­ter war zwar nicht aus­ver­kauft, die Stim­mung aber groß­ar­tig, der Bei­fall stür­misch.

Die glän­zend dis­po­nier­te Band ar­beit­ete mit zwei mu­si­ka­li­schen Schwer­ge­wich­ten zu­sam­men. Die Lei­tung hat­te der Bel­gier Bert Jo­ris, si­cher­lich ei­ner der re­nom­mier­tes­ten Jazz-Trom­pe­ter Eu­ro­pas. Am Kla­vier trat ihm En­ri­co Pie­ra­nun­zi zur Sei­te, ei­ne Ko­ry­phäe auf sei­nem In­stru­ment und nicht zu­letzt ein groß­ar­ti­ger Kom­po­nist. Der Ita­lie­ner hat et­li­che Stü­cke für Chet Ba­ker ge­schrie­ben und mit ihm auch ein­ge­spielt. Jo­ris sei­ner­seits wird hin und wie­der di­rekt mit Ba­ker ver­gli­chen. Er wä­re aber kein ech­ter Jaz­zer, hät­te er nicht ei­nen ganz ei­ge­nen Klang und ei­ne ei­ge­ne Sen­si­bi­li­tät in sei­ner oft sehr ly­ri­schen, me­lo­diö­sen und schnör­kel­los-kraft­vol­len Ge­stal­tung.

Trotz­dem war er wie kein zwei­ter ge­eig­net, an die­sem Abend an Ba­kers gro­ße Auf­trit­te zu er­in­nern – und zwar so­wohl an die­je­ni­gen ge­mein­sam mit gro­ßen Bands, aber auch sol­che in klei­nen Clubs. Der Grund sind ne­ben sei­ner Trom­pe­ten­kunst sei­ne ele­gan­ten und viel­sei­ti­gen Ar­ran­ge­ments, die der Band ge­nug Raum zur Ent­fal­tung ge­ben – recht kom­ple­xe Par­ti­tu­ren sind es, die Jo­ris da pro­du­ziert –, aber im­mer wie­der auch Klang und Be­set­zung auf ei­nen es­sen­ziel­len Kern zu­rück­fah­ren und da­durch ei­ne haut­na­he In­ten­si­tät er­zeu­gen, dass man sich förm­lich in die pul­sie­ren­de At­mo­sphä­re ei­nes klei­nen, über­füll­ten Jazz­clubs ver­setzt fühlt.

Es­sen­ziel­ler Kern

Die Band spiel­te zwei Sets, die auf ei­ne ganz be­son­de­re Wei­se an Ba­ker an­knüpf­ten und auf ihn auf­bau­ten. Denn es ging nicht ein­fach nur da­rum, Stü­cke noch ein­mal neu zu in­ter­pre­tie­ren. Et­li­che Num­mern (al­le mit ei­ner Aus­nah­me kom­po­niert von Pie­ra­nun­zi) be­zo­gen sich auf be­stimm­te Songs oder Si­tua­tio­nen. Nach Ba­kers Tod zum Bei­spiel schrieb Pie­ra­nun­zi „Chet“, in lang­sam an- und ab­schwel­len­de Klang­wel­len ge­fasst in Jo­ris’ Ar­ran­ge­ment, ele­gisch, aber auch cool. „With my he­art in a song“ rea­gier­te auf Ba­kers „With a song in my he­art“. „Soft Jour­ney“, Ti­tel­song des Al­bums von 1980, in­teg­rier­te kom­po­si­to­risch Chet Ba­kers Spiel selbst – Vor­la­ge für den Bläs­er­satz stell­te ei­ne Tran­skrip­ti­on ei­nes sei­ner So­li dar. Ei­nen Meis­ter­streich möch­te man „Echo­es“ nen­nen, ein Wi­de­rhall auf den Song „Si­len­ce“. Zu dem zärt­li­chen Kla­vier­part in der An­mu­tung ei­nes ita­lie­ni­schen Lie­bes­lieds ver­fer­tig­te Jo­ris ein bar­ockes Stimm­ge­spinst mit Flö­ten und Kla­ri­net­ten – hier wur­de klar, wa­rum Pie­ra­nun­zi über sei­nen Part­ner an­merk­te, der sei ein Meis­ter der Fu­ge und des Kon­tra­punkts.

Na­tür­lich in­ter­pre­tier­te die Band auch Klas­si­ker wie et­wa „Night Bird“, das in sei­nem syn­ko­pier­ten Dri­ve fuchs­le­ben­dig da­her­kam, oder „Fai­ry Flo­wers“, die wun­der­schö­ne Bal­la­de, die ein­mal mehr Jo­ris’ smoot­hem Ton Raum bot.

Vie­le Band­mit­glie­der tra­ten eben­falls mit ei­ge­nen So­li in Er­schei­nung; die Big­band ist eben auch ein So­lis­ten-En­sem­ble. Man kann sie gar nicht al­le nen­nen; er­wähnt sei zu­min­dest Hans Gla­wisch­nig am Bass (mehr­fach) oder Axel Schlos­ser (Trom­pe­te) und Ste­fan Karl Schmid (Te­nor­sax) mit ih­ren im­puls­iven, en­er­ge­ti­schen Bei­trä­gen in „Lu­cky Thirds“. Wir fas­sen zu­sam­men: Das war un­ge­heu­er le­ben­di­ger Big­band-Jazz vom Feins­ten.


Karsten Mackensen, 08.10.2018, Gießener Anzeiger

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