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Er­grei­fen­de Kla­ge als Hö­he­punkt - Gießener Anzeiger
30.08.2018

Sai­son­auf­takt für Phil­har­mo­ni­sches Or­ches­ter mit Pro­gramm zwi­schen Bach und Mo­der­ne

Das Phil­har­mo­ni­sche Or­ches­ter des Stadt­thea­ters hat am Diens­tag­abend die Kon­zert­sai­son mit ei­ner höchst un­ge­wöhn­li­chen Pro­gramm­fol­ge er­öff­net. Sie bot die Büh­ne für zwei So­lis­ten, die ih­re Mu­sik zu­erst im Rah­men klein­ster, kam­mer­mu­si­ka­li­scher Be­set­zung und dann aus sin­fo­ni­scher Klang­fül­le her­aus zur Ent­fal­tung brach­ten.

Den Auf­takt mach­te Jo­hann Se­bas­ti­an Bachs frü­he Trau­er­kan­ta­te „Got­tes Zeit ist die al­ler­be­ste Zeit“. Das ins­ge­samt stimm­lich nicht ganz ho­mo­ge­ne Vo­kal­quar­tett nutz­te die äu­ßerst spar­sa­me Be­set­zung (zwei Block­flö­ten und zwei Gam­ben plus Con­ti­nuo) nur teil­wei­se als Chan­ce zur nu­an­cier­ten stimm­li­chen Ge­stal­tung der Af­fek­te. Der mit­wir­ken­de Mün­che­ner Bass Tho­mas Stim­mel, am Gie­ße­ner Haus be­reits aus zwei Pro­duk­tio­nen be­kannt, war So­list dann auch beim mu­si­ka­li­schen Hö­he­punkt des Abends: die sehr sel­ten zu hö­ren­den „Sin­fo­ni­schen Ge­sän­ge“ op. 20 von Ale­xan­der Zem­lins­ky aus dem Jah­re 1929. Zem­lins­ky ver­ton­te Über­set­zun­gen aus ei­ner An­tho­lo­gie afro­ame­ri­ka­ni­scher Dich­tun­gen mit dem Ti­tel „Af­ri­ca Sings“.

Als Nach­fah­re ka­tho­lisch-jü­disch-mus­li­mi­scher (ja, das geht) El­tern, der dem Wie­ner An­ti­se­mit­is­mus durch Über­tritt zum Pro­test­an­tis­mus zu ent­ge­hen ge­hofft hat­te, war Zem­lins­ky für die The­ma­tik, näm­lich die Un­ter­drü­ckung von Min­der­hei­ten, sen­si­bi­li­siert. Er­grei­fend quä­lend, in sym­bio­ti­scher Ver­schmel­zung der Stim­me mit den düs­te­ren, tie­fen Holz­blä­ser-Klän­gen er­hob sich die er­öff­nen­de Kla­ge über Lynch­jus­tiz „un­ten im Sü­den, in Di­xie­land“. Stim­mel ver­stand es auch wei­ter, ge­sang­lich die sti­li­sti­sche Viel­falt der Kom­po­si­ti­on zwi­schen ex­pres­sio­nis­ti­scher Mo­der­ne, Exo­tis­mus und Spä­tro­man­tik ge­nau mit­zu­voll­zie­hen, im­mer blieb er trotz der gro­ßen Be­set­zung wun­der­bar ver­ständ­lich.

Bar­ock­spe­zi­a­list am Pult

Am Pult stand üb­ri­gens, ein­sprin­gend für den er­krank­ten GMD Mi­cha­el Hofs­tet­ter, der ar­gen­ti­ni­sche Di­ri­gent Ru­bén Du­brovs­ky. Das Pu­bli­kum war na­tür­lich ge­spannt, wie der Bar­ock­spe­zi­a­list mit der Mu­sik der Mo­der­ne um­geht – nun, zu­min­dest möch­te man sein Di­ri­gat nicht tem­pe­ra­ment­voll nen­nen. Ins­ge­samt schie­nen Di­ri­gent und Or­ches­ter nicht recht frei, kleb­ten statt­des­sen an den No­ten.

Das gilt lei­der auch für Er­nest Blochs „Sche­lo­mo. He­bräi­sche Rhap­so­die“ für So­lo­cel­lo und Or­ches­ter. Die her­vor­ra­gen­de bri­ti­sche Cel­lis­tin Na­ta­lie Clein spiel­te viel­leicht des­we­gen mit vor­sich­tig ge­brems­ter Ex­pres­si­vi­tät. Sie hat­te – gänz­lich un­ge­wöhn­lich – ihr vol­len­de­tes Mu­si­zie­ren be­reits vor der Pau­se mit der er­sten So­lo-Sui­te von Bach un­ter Be­weis stel­len kön­nen (an­de­re spie­len das als Zu­ga­be).

Ih­re gro­ße rhap­so­di­sche Kla­ge dann, ei­gent­lich ein nicht en­den wol­len­der, hoch emo­tio­na­ler Sprech­ge­sang, war von größ­ter Fein­füh­lig­keit, im­mer kul­ti­viert aus­ge­spielt, aber eben we­nig ge­wagt. Ei­ne schö­ne Über­ra­schung bot die Zu­ga­be: Ge­mein­sam mit Du­brovs­ky, der sich rasch ein Cel­lo lieh, mu­si­zier­te sie das drit­te der „Jü­di­schen Lie­der“ von Bloch.

 

Kars­ten Ma­cken­sen, 30.08.2018, Gießener Anzeiger

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