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Die Trau­er ei­nes Bru­ders - Gießener Anzeiger
17.11.2018

Ju­gend­stück „Ich hei­ße Ben!“ über­zeugt auf taT-stu­dio­büh­ne durch sen­si­ble An­nä­her­ung an ein ern­stes The­ma

Pas­send zur dunk­len Jah­res­zeit bringt die taT-Stu­dio­büh­ne ein Ju­gend­stück her­aus, dass sich mit dem schwe­ren The­ma der Trau­er­be­wäl­ti­gung aus­ein­an­der­setzt: „Ich hei­ße Ben!“ über­zeug­te bei der Pre­mie­re am Don­ners­tag­abend durch Ab­dul-M. Kun­zes fein­füh­li­ge In­sze­nie­rung mit vie­len sur­rea­len Mo­men­ten so­wie das tem­po­rei­che Spiel der glän­zend auf­ge­leg­ten Dar­stel­ler An­ne-Eli­se Mi­net­ti, Lu­kas Gold­bach und Tom Wild.

Das tra­gi­ko­mi­sche Stück der dä­ni­schen Dra­ma­ti­ke­rin An­na Pan­du­ro er­zählt ein­fühl­sam und mit ei­nem Schuss Hu­mor die Ge­schich­te der Brü­der Tom und Ben, die un­ter­schied­li­cher nicht sein könn­ten. Wäh­rend der sport­li­che Tom ein Mäd­chen­schwarm und das Lie­blings­kind sei­ner fuß­ball­ver­rück­ten El­tern ist, steht der un­schein­ba­re, hoch­in­tel­li­gen­te Ben im Schat­ten sei­nes Bru­ders.

Lie­be zu Fran­kens­tein

Dass die Bei­den sich al­ler Ri­va­li­tät zum Trotz den­noch mö­gen, wird gleich zu Be­ginn des pa­cken­den Stü­ckes klar. „Ech­te Män­ner spie­len Fuß­ball“, sagt Ben und Tom ent­geg­net: „Ich freue mich schon da­rauf, wenn Du mal was echt Gu­tes er­fin­dest.“ Ei­ne Sa­che ver­eint die Brü­der: Ih­re Lie­be zu „Fran­kens­tein auf Zel­lu­lo­id“. Sze­nen des al­ten Bo­ris-Kar­loff-Klas­si­kers aus dem Jahr 1931 wur­den da­zu in Gie­ßen auf die Büh­ne pro­ji­ziert, wäh­rend Tom und Ben auf ei­nem ro­ten So­fa sit­zend die Dia­lo­ge mit­spre­chen.

Als Tom bei ei­nem Au­to­un­fall – auf der Büh­ne durch laut schep­pern­de Fel­gen dar­ge­stellt – ums Le­ben kommt, wird al­les an­ders. Die El­tern wan­deln zom­bieg­leich durchs Haus und ma­chen ein­an­der Vor­wür­fe. Auch Ben gibt sich die Schuld an Toms Tod. War er es doch, der Toms Fahr­rad ver­se­hent­lich ka­putt­ge­macht hat, wo­durch die­ser mit dem Au­to zum Fuß­ball­trai­ning ge­fah­ren wer­den muss­te. Und: Hat er sich nicht oft ge­wünscht, Ein­zel­kind zu sein, wenn die El­tern mal wie­der Tom den Vor­zug ga­ben?

Kei­ner re­det über das Un­glück. Die Kon­fron­ta­ti­on mit dem plötz­li­chen Tod stellt für al­le ei­ne Her­aus­for­de­rung dar. Als die El­tern schließ­lich an­fan­gen, Ben Tom zu nen­nen, sieht die­ser sich ge­zwun­gen, zu han­deln. Als be­geis­ter­ter Le­ser von Wis­sen­schafts­ma­ga­zi­nen so­wie von Fran­kens­tein in­spi­riert, be­ginnt er ei­ne Me­tho­de zu ent­wi­ckeln, um Tom wie­der­zu­be­le­ben. Hat die­ser nicht ein­mal ge­sagt, wie „cool es ist, Men­schen zu be­le­ben, wenn sie tot sind?“

In ei­ner gro­tes­ken Sze­ne holt er nicht nur Tom aus dem Grab, son­dern be­ginnt auch mit to­ten Tie­ren zu ex­pe­ri­men­tie­ren. Da­run­ter ne­ben ei­ner „über­fahr­enen Kat­ze aus dem Leih­ge­ster­ner Weg“ auch mit dem Ka­nin­chen der neu­en Nach­ba­rin So­phia. Die Be­geg­nung mit der Hob­by-Psy­cho­lo­gin stellt ei­ne Wen­de in sei­nem Le­ben dar. Denn ihr ge­lingt es, den engs­tir­ni­gen El­tern end­lich die Au­gen zu öff­nen und ih­nen zu zei­gen, dass sie mit Ben ei­nen „be­son­de­ren Sohn“ ha­ben. Am dra­ma­ti­schen En­de stellt auch Ben fest, dass es bes­ser ist, ein Le­ben zu ret­ten als ein Le­ben zu schaf­fen.

Ab­dul-M. Kun­zes In­sze­nie­rung ge­lingt es auf skur­ril-hu­mor­vol­le Wei­se, das schwe­re The­ma Trau­er­be­wäl­ti­gung für ein jun­ges Pu­bli­kum nach­voll­zieh­bar auf­zu­be­rei­ten. Die Rol­le des hoch­in­tel­li­gen­ten Ben scheint Lu­kas Gold­bach auf den Leib ge­schrie­ben zu sein, An­ne-Eli­se Mi­net­ti und Tom Wild be­geis­tern zu­dem durch ih­re schnel­len Rol­len­wech­sel. Mal ist Mi­net­ti die trau­ern­de Mut­ter Kirs­ten, mal die ner­vi­ge Freun­din Kar­la, mal die ein­fühl­sa­me Nach­ba­rin So­phia. Wild gibt den fuß­ball­ver­rück­ten Va­ter, der zu­gleich auch Trai­ner ist, eben­so gut wie den kum­pel­haf­ten, be­lieb­ten Tom oder den herz­kran­ken Bru­der von So­phia.

Der Be­zug zum Fran­kens­tein-Klas­si­ker spiegelt sich nicht nur in den von Im­me Ka­chel ent­wor­fe­nen Kos­tü­men, son­dern auch im Büh­nen­bild von Lu­kas Noll wi­der. Vor al­lem dann, wenn Ben durch sein wis­sen­schaft­li­ches La­bor wu­selt und nach Mög­lich­kei­ten sucht, sei­nen Bru­der wie­der le­ben­dig zu ma­chen.

Trotz al­ler Wort- und Spiel­wit­ze ver­liert die Tra­gi­ko­mö­die für Zu­schau­er ab zehn Jah­ren nie ihr ern­stes The­ma aus den Au­gen. Der lang an­hal­ten­de Ap­plaus des Pu­bli­kums war mehr als ver­dient.


Pe­tra Ziel­in­ski, 17.11.2018, Gießener Anzeiger

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