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Büh­nen­rausch und Dro­gen­höl­le - Gießener Anzeiger
01.09.2018

Ful­mi­nan­ter Mo­no­log mit vier Schau­spiel­ern: Stu­ckrad-Bar­res Le­bens­be­richt „Pa­nik­herz“ auf der taT-Stu­dio­büh­ne

Der Auf­stieg und Fall ei­nes Pops­tars zählt zu den Klas­si­kern un­ter den mo­der­nen Myt­hen. Ben­ja­min von Stu­ckrad-Bar­re hat die­ser Ge­schich­te ei­ne er­folg­rei­che Va­ri­an­te hin­zu­ge­fügt, als er vor zwei Jah­ren sei­nen au­to­bio­gra­phi­schen Ro­man „Pa­nik­herz“ vor­leg­te, in dem er von sei­ner Ju­gend als Pas­toren­sohn in der nie­der­säch­si­schen Pro­vinz, sei­nen Ab­stür­zen im Dro­gen­rausch und sei­ner le­bens­ret­ten­den Freund­schaft zu Udo Lin­den­berg er­zähl­te. Re­gis­seur Jan Lang­en­heim hat die Vor­la­ge nun für die Gie­ße­ner taT-Stu­dio­büh­ne adap­tiert. Und dem Thea­ter­ma­cher ge­lingt das Kunst­stück, das rund 550 Sei­ten di­cke Buch in­halt­lich so zu ver­dich­ten, dass ein ge­witz­tes, fa­cet­ten­rei­ches, bis­wei­len so­gar an­rüh­ren­des Por­trät des einst­mals ge­fei­er­ten „Po­pli­te­ra­ten“ ent­steht. Am Don­ners­tag­abend war die Pre­mie­re der In­sze­nie­rung zu er­le­ben.

Lang­en­heims An­satz ist es, den Au­tor durch gleich vier Dar­stel­ler spre­chen zu las­sen. Ro­man Kurtz, Pa­scal Tho­mas so­wie die bei­den jun­gen En­sem­ble-Neu­zu­gän­ge Es­ra Schrei­er und Mag­nus Pflü­ger tei­len sich die Rol­len des Er­zäh­lers, in­dem sie sich im­mer wie­der sät­ze­wei­se er­gän­zen und bis­wei­len so­gar gleich­zei­tig zu Tei­len des an drei Sei­ten des Büh­nen­raums plat­zier­ten Pu­bli­kums spre­chen. Vor­ge­führt wird hier ful­mi­nan­ter „La­ber­jazz“ (Ro­man Kurtz) in na­he­zu per­fek­tem Ti­ming. So ent­steht nicht nur ein enor­mes Tem­po, son­dern es ent­wi­ckeln sich auch im­mer wie­der in­te­res­san­te Büh­nens­ze­ne­rien, für die eben­so wie für die zahl­rei­chen Kos­tü­me des Quar­tetts eben­falls Jan Lang­en­heim zu­stän­dig ist.

Es be­ginnt mit der Rei­se nach Los An­ge­les, die der Er­zäh­ler zu­sam­men mit Udo Lin­den­berg un­ter­nimmt. Die bei­den stei­gen im be­rühmt­en Ho­tel Cha­te­au Mar­mont ab, das schon zum Zu­hau­se vie­ler ge­strau­chel­ter Künst­ler ge­wor­den ist. Sein Rock­star-Kum­pel reist bald wie­der ab, doch „Stu­cki­man“ bleibt und wid­met sich for­tan sei­nen Er­in­ne­run­gen und Ref­le­xio­nen. Die al­les­amt blen­dend auf­ge­leg­ten Schau­spie­ler füh­ren das Pu­bli­kum nun im ste­ten Wech­sel der Er­zähl- und Zeit­ebe­nen zu­rück zu den Sta­tio­nen sei­nes wech­sel­haf­ten Le­bens. Ins un­cool-idea­li­sti­sche El­tern­haus, in die Göt­tin­ger Gym­na­si­al­zeit, in der er die Li­te­ra­tur, die Mu­sik, das pral­le Le­ben ent­deckt. Schließ­lich zur Be­kannt­schaft mit dem Rock­star Udo Lin­den­berg (des­sen Nu­sche­lei al­le vier treff­lich pa­ro­die­ren), zu er­sten Er­fol­gen als Mu­sik­kri­ti­ker – so­wie den im­mer stär­ker wer­den­den Kon­troll­ver­lus­ten als Op­fer sei­ner Äng­ste und sei­nes ex­zes­si­ven Dro­gen­kon­sums.

Da­bei ma­chen sich die Schau­spie­ler im­mer wie­der die un­glau­blich prä­zi­sen Sät­ze zu­nut­ze, die „Pa­nik­herz“ ih­nen lie­fert. Al­lein das wun­der­bar durch­ge­spiel­te Ab­itref­fen nach 20 Jah­ren in Göt­tin­gen ist ei­nen Be­such die­ser In­sze­nie­rung wert. Mit bei­ßen­dem Spott ka­ri­kiert Stu­ckrad-Bar­re da sei­ne ein­sti­gen Mit­schü­ler, die sich in der selbst­ver­schul­de­ten Mi­se­re zwi­schen Rei­hen­haus und Sei­ten­sprung ein­ge­rich­tet ha­ben. Wo­rauf auf der taT-Büh­ne ein herr­li­ches Dia­log­feu­er­werk ab­ge­brannt wird, das in Mi­nu­ten­schnel­le ein herr­lich-bö­ses Ge­sell­schafts­por­trät des bun­des­deut­schen Mit­tel­schichts­mi­lie­us zeich­net.

Doch dann kippt die Ge­schich­te und aus Witz und Iro­nie wird tra­gi­scher Ernst. Auch die­sen lan­gen Ab­stieg des Er­zäh­lers macht das Schau­spiel­quar­tett for­tan kennt­lich. Wun­der­bar et­wa die Sze­ne, in der Stu­ckrad-Bar­re rück­fäl­lig wird und zu­sam­men mit ei­ner jun­gen Frau in Zü­rich durch ei­ne rausch­haf­te Nacht tau­melt. Das Er­wa­chen am näch­sten Tag ist da­für um­so fürch­ter­li­cher.

Ei­ni­ge Län­gen in die­ser rund zwei­ein­halb­stün­di­gen In­sze­nie­rung (oh­ne Pau­se) wä­ren si­cher ver­meid­bar ge­we­sen, die Sta­tio­nen sei­ner ty­pisch ver­lau­fen­den Dro­gen­kar­rie­re kom­men ei­nem dann doch ir­gend­wann all­zu be­kannt vor. Den­noch über­zeugt die von mu­si­ka­li­schen Ein­spreng­seln treff­lich rhyth­mi­sier­te In­sze­nie­rung (Kom­po­si­tio­nen: Thies Mynt­her), weil hier ei­ne Form ge­fun­den wird, um die­sen schwer zu zäh­men­den Stoff zu bün­deln. Ben­ja­min von Stu­ckrad-Bar­re, darf man ver­mu­ten, hät­te sei­ne Freu­de da­ran.

 

Björn Gauges, 01.09.2018, Gießener Anzeiger

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