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Spannungsgeladene Virtuosität - Gießener Anzeiger
12.10.2017

Zwei­te Sin­fo­nie­kon­zert des Phil­har­mo­ni­schen Or­ches­ters mit Be­et­ho­ven und Schos­ta­ko­witsch

Be­et­ho­ven und Schos­ta­ko­witsch – zwei prä­gen­de Kom­po­nis­ten ih­rer Zeit – war das zwei­te Sin­fo­nie­kon­zert des Phil­har­mo­ni­schen Or­ches­ters Gie­ßen am Diens­tag­abend im Stadt­thea­ter ge­wid­met. Konn­te das funk­tio­nie­ren?

Auf dem Pro­gramm stan­den die drit­te Leo­no­ren-Ou­ver­tü­re von Lud­wig van Be­et­ho­ven (1770–1827), das zwei­te Kla­vier­kon­zert in F-Dur op.102 und die neun­te Sin­fo­nie, bei­des von Dmi­tri Schos­ta­ko­witsch (1906 – 1975).

Der ju­gend­lich wir­ken­de, in der Stei­er­mark ge­bo­re­ne Gast­di­ri­gent Er­ich Polz führ­te mit dem Or­ches­ter ei­nen höchst kons­truk­ti­ven Dia­log. Pölz und Be­et­ho­ven: Das war ein Ge­spann, das pass­te. Der Ös­ter­rei­cher ließ dem Or­ches­ter den Frei­raum, den es für die düs­te­re­re und ge­wal­ti­ge At­mo­sphä­re in der Leo­no­ren-Ou­ver­tü­re brauch­te.

Die­se Kom­po­si­ti­on ist ein mu­si­ka­li­sches Klei­nod Be­et­ho­vens: Sie war als Ou­ver­tü­re für sei­ne da­mals höchst po­li­tisch in­ten­dier­te Oper „Fi­de­lio“ kom­po­niert, in der es um die Be­frei­ung des Men­schen und des Geis­tes geht. Doch Be­et­ho­ven tat sich schwer mit die­ser Oper. Sei­ne idea­li­sti­schen Ide­en woll­te er sze­nisch und mu­si­ka­lisch ma­ni­fes­tie­ren. Be­et­ho­ven war kein Opern­kom­po­nist, sein Gen­re war die Phil­har­mo­nie, denn auch die da­ma­li­gen thea­tra­li­schen Mit­tel konn­ten den Stoff nicht wirk­lich um­set­zen. Die Oper fiel bei der Urauf­füh­rung gran­dios durch. Er über­ar­beit­ete den Stoff er­neut und kom­po­nier­te die drit­te Leo­no­ren-Ou­ver­tü­re. In ihr kom­pri­miert er die ge­sam­te Hand­lung der Oper: In­ner­halb ei­ner Vier­tel­stun­de sind sämt­li­che The­men an­ge­spielt, ver­ar­bei­tet und ab­ge­schlos­sen. Dies ist ge­ra­de­zu prä­de­sti­niert für die Er­öff­nung eins Kon­zert­abends. So ganz ne­ben­bei hat­te Be­et­ho­ven ein neu­es Gen­re ge­schaf­fen, das der Kon­zert­ou­ver­tü­ren.

Für die ex­zel­len­te Kla­vier­spie­le­rin Sa­bi­ne Wey­er war das zwei­te Kla­vier­kon­zert von Schos­ta­ko­witsch, wel­ches the­ma­tisch zu der neun­ten Sym­pho­nie von Schos­ta­ko­witsch führ­te, kei­ne Her­aus­for­de­rung. Schos­ta­ko­witsch hat­te die­ses Mu­sik­stück für die Auf­nah­me­prü­fung sei­nes Soh­nes Ma­xim am Kon­ser­va­to­ri­um kom­po­niert. Durf­te das Or­ches­ter bei Be­et­ho­ven groß und ge­wal­tig er­schei­nen, so nahm Polz es hier re­gel­recht an die Kan­da­re und zeig­te so, wo der Fo­kus lag: auf dem leicht­fü­ßi­gen Kla­vier­spiel der char­man­ten Pia­nis­tin.

Mit gro­ßer Span­nung wur­de schließ­lich Polz‘ In­ter­pre­ta­ti­on der neun­ten Sym­pho­nie von Schos­ta­ko­witsch er­war­tet. Der Rus­se kom­po­nier­te sie zum En­de des Zwei­ten Welt­krie­ges und er­war­tet wur­de, dass da­raus ei­ne Sie­ges- und Tri­umph-Sym­pho­nie für den sieg­rei­chen Dik­ta­tor Sta­lin da­raus wür­de. Dem war nicht so. Si­cher wur­den auch gro­ße Er­war­tun­gen an sie ge­legt, trägt sie mit der Num­mer neun doch die glei­che Num­mer wie die gro­ße Sym­pho­nie von Be­et­ho­ven. Doch Schos­ta­ko­witsch hielt sich nicht an die Er­war­tun­gen: Zwar ist for­mal al­les drin, je­doch kaum zur Hul­di­gung ei­ner Sie­ger­mäch­ten ge­eig­net, ist in Mu­sik ge­fass­te Iro­nie. Dies konn­te von den Sta­li­nis­ten so nicht hin­ge­nom­men wer­den. Sie fiel bei der Urauf­füh­rung am 3. No­vem­ber 1945 durch und Schos­ta­ko­witsch in Ung­na­de. Er­ich Polz ver­stand es, die­se Iro­nie und mu­si­ka­li­schen Aus­ru­fe­zei­chen mit dem Or­ches­ter her­aus­zu­ar­bei­ten: mal laut und pol­ternd, mal me­lan­cho­lisch und lei­se und im­mer ein we­nig zu viel von al­lem. Be­son­ders her­vor­zu­he­ben ist die So­lo­leis­tung von Ma­ria Oli­vei­ra-Plü­ma­cher am Fa­gott. Ihr über­reich­te Polz sei­nen Blu­men­strauß. Zu Recht.

Be­et­ho­ven und Schos­ta­ko­witsch: Das hat funk­tio­niert – dank ei­ner be­dach­ten Mu­sik­aus­wahl und dem kon­zen­trier­ten Di­ri­gat des jun­gen Er­ich Polz.

 

Bar­ba­ra Czer­nek, 12.10.2017, Gießener Anzeiger

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