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Nur die Küs­se schme­cken nicht al­len - Gießener Anzeiger
18.01.2018

Der fie­se DON GIOVANNI fas­zi­niert auch Kin­der – et­wa bei ei­ner „Rei­se durch die Welt der Stimm­fä­cher“ im Stadt­thea­ter

 Ei­gent­lich, da braucht man sich nichts vor­ma­chen, han­delt es sich bei „Don Gio­van­ni“ um ganz har­ten Stoff. Skru­pel­lo­ser rei­cher Be­trü­ger sam­melt Frau­en wie an­de­re Män­ner Brief­mar­ken und macht selbst vor hei­rats­wil­li­gen Bau­ern­töch­tern nicht halt. Zur Stra­fe muss er schließ­lich ster­ben. Wie al­so er­klärt man Kin­dern, wo­rum es sich bei die­ser Mo­zart-Oper han­delt – und was ei­ne Oper über­haupt aus­macht? Das zeigt aufs Treff­lich­ste Mar­tin Gärt­ner, der bei die­ser „mun­te­ren Rei­se durch die Welt der Stimm­fä­cher“, so der Un­ter­ti­tel, nicht nur am Pia­no sitzt und die Sän­ger be­glei­tet, son­dern den Vor­mit­tag im Stadt­thea­ter auch mo­de­riert.

Und zwar so kurz­wei­lig, leicht­fü­ßig und ge­konnt, dass die Kin­der im voll­be­setz­ten Saal al­les­amt ei­ne gu­te Stun­de lang ge­bannt lau­schen und auch ih­re El­tern (und Leh­rer) noch ei­ne gan­ze Men­ge ler­nen kön­nen. Was al­so war noch ein­mal ein Re­zi­ta­tiv? Der die Hand­lung vor­an­trei­ben­de Sprech­ge­sang zwi­schen den Arien. Wem ver­leiht Die­ner Le­po­rel­lo sei­nen Na­men? Ei­nem falt­ba­ren Pa­pier- oder Kar­ton­strei­fen. Und was hat Zer­li­na-Dar­stel­le­rin Ka­ro­la Par­vo­ne da ei­gent­lich an? Ein ro­tes Teu­fel­chen-Kos­tüm samt Hör­nern, wie es auch Jung­ge­sel­lin­nen auf ih­ren Ab­schieds­tou­ren in deut­schen In­nens­täd­ten tra­gen könn­ten. Schließ­lich zö­gert die­se le­bens­lus­ti­ge jun­ge Frau auch in der ak­tu­el­len Gie­ße­ner In­sze­nie­rung (näch­ster Ter­min: 21. Ja­nu­ar) ein gan­zes Weil­chen, ob sie sich den bra­ven Ma­set­to oder doch den drauf­gän­ge­ri­schen – und vor al­lem ver­mö­gen­den – Don Gio­van­ni an die brei­te Män­ner­brust wer­fen soll.

Gleich­zei­tig ver­bin­det Mu­si­ker und Mo­de­ra­tor Gärt­ner, der 1997 den Kin­der- und Ju­gend­chor des Stadt­thea­ters grün­de­te, die­se Kri­mi­nal­ge­schich­te mit ei­ner klei­nen, un­ter­halt­sa­men Stim­men­kun­de, bei der er nach und nach ver­schie­de­ne tra­gen­de Sän­ger der der­zeit am Stadt­thea­ter ge­spiel­ten Oper auf die Büh­ne bit­tet. Al­so na­tür­lich die durch­trieb­ene Haupt­fi­gur, die in Gie­ßen der Ba­ri­ton Grga Pe­roš ver­kör­pert. Eben­so wie des­sen Kol­le­gen Ni­ko­lay Anis­imov, Cle­mens Kersch­bau­mer, To­mi Wendt und eben Ka­ro­la Pa­vo­ne.

Dann kön­nen sich die Be­su­cher im di­rek­ten Ver­gleich an­hö­ren, wa­rum sich der ei­ne Ba­ri­ton nicht wie der an­de­re an­hört und wie sich bei­de vom Bass un­ter­schei­den. Der Mos­kau­er Anis­imov er­zählt, dass er ei­gent­lich auf dem Weg zu ei­nem „ver­nünf­ti­gen Be­ruf“ war und an­ge­fan­gen hat, IT zu stu­die­ren, als ei­ne Be­kann­te sei­ne Be­ga­bung bei ei­nem La­ger­feu­er­sin­gen ent­deckt hat. Der Wie­ner Kersch­bau­mer zeigt, dass er ho­he wie tie­fe Tö­ne gleich­er­ma­ßen be­herrscht. Und der Kroa­te Pe­roš be­kennt frei­mü­tig, dass man mit dem Sin­gen nicht reich wer­den kann – au­ßer viel­leicht als Pops­tar.

Auch Fra­gen aus dem Pu­bli­kum wer­den fröh­lich be­ant­wor­tet. Mar­tin Gärt­ner de­mon­striert, wie tief ti­be­ta­ni­sche Mön­che klin­gen kön­nen. Und die Sän­ger ma­chen im­mer wie­der lus­ti­ge Fa­xen, die das jun­ge Pu­bli­kum zu lau­tem Ge­läch­ter rei­zen. So ge­lingt in die­sem Pro­gramm die Kunst, Lehr­rei­ches mit Un­ter­halt­sa­mem zu ver­bin­den – und da­mit viel­leicht auch man­chen künf­ti­gen Opern­be­su­cher für sich zu ge­win­nen. Nur ei­nes scheint nicht al­len jun­gen Be­su­chern zu schme­cken. Die Küs­se, die Zer­li­na mit Don Gio­van­ni und Ma­set­to tauscht, sor­gen beim Nach­wuchs für man­chen lau­ten Seuf­zer. Als Opern­sän­ge­rin „darf man eben viel küs­sen“, sagt Mar­tin Gärt­ner – und ver­bes­sert sich um­ge­hend: „oder muss man viel küs­sen“.

 

Björn Gauges, 18.01.2018, Gießener Anzeiger

© 2018 Stadttheater Giessen
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