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In den Dschungel gespielt - Gießener Anzeiger
12.03.2018

Auf­tritt des HR-Sin­fo­nieor­ches­ters im Gie­ße­ner Stadt­thea­ter er­weckt Schwer­punkt Süd­ame­ri­ka zum Le­ben / Vio­lis­tin Ti­an­wa Yang sticht aus gu­tem En­sem­ble her­vor

Als ein mu­si­ka­li­sches Feu­er­werk er­wies sich „Die Nacht der May­as“, das Kon­zert des hr-Sin­fo­nieor­ches­ters im Thea­ter am Sams­tag. Un­ter dem ex­zel­len­ten Di­ri­gat des hoch re­nom­mier­ten Ma­nu­el Ló­pez-Gó­mez er­klan­gen Wer­ke von Sil­ves­tre Re­vu­el­tas und Édou­ard La­lo.

Vio­li­ne sorgt für Hö­he­punkt


Der strah­len­de Hö­he­punkt war der bril­lan­te Auf­tritt der Vio­li­nis­tin Ti­an­wa Yang, die das vol­le Haus zu Be­geis­te­rungs­stür­men hin­riss. Schon der Be­ginn mit “Sen­se­maya” von Sil­ves­tre Re­vu­el­tas (ei­nem der be­deu­tend­sten Kom­po­nis­ten Mit­tel­ame­ri­kas, 1899 bis 1940) ließ et­was Be­son­de­res ver­mu­ten, stand doch das Kon­zert im Schwer­punkt süd­ame­ri­ka­ni­scher Klän­ge. So hob ein un­heim­li­ches Dro­hen an, et­was schrä­ge Har­mo­nien, ein Gong raun­te zu syn­ko­pi­schen Ele­men­ten, und schau­er­li­ches Wo­gen do­mi­nier­te die Stim­mung, he­xen­mal­er­ische Trom­pe­ten setz­ten über­ra­schen­de Ak­zen­te. Man wähn­te sich im Dschun­gel! Als­dann Édou­ard La­los „Sym­pho­nie espag­no­le“ d-Moll op. 21 für Vio­li­ne und Or­ches­ter in fünf Sät­zen er­klang. Schon mit den er­sten Tö­nen mach­te Ti­an­wa Yang klar, dass sie in ei­ner an­de­ren als der üb­li­chen Klas­se mu­si­ziert. Un­er­hört tem­pe­ra­ment- und blut­voll ge­spielt war das, mit­rei­ßend von der er­sten Se­kun­de, mit nach­ge­ra­de himm­li­schem Schmelz. Das Or­ches­ter agier­te tra­di­tio­nell, et­was schi­cksal­haft, in­ten­siv und mit Schwung, da­bei um­weh­te es nur zart die Vio­li­ne, man agier­te zu­wei­len mit sanf­ter Span­nung ganz na­he an der Stil­le. Das elek­tri­sier­te Pu­bli­kum scher­te sich nicht um die Kon­ven­tio­nen und ap­plau­dier­te Yang di­rekt nach dem er­sten und je­dem wei­te­ren Satz. Der Zwei­te (Scherz­an­do) er­klang im Gan­zen über­aus leicht, hei­ter und schwung­voll, die Vio­li­ne agier­te ele­gant, und das Or­ches­ter hüpf­te ne­ben ihr ein­her; ein Glanz­licht. Yang er­wies sich als So­lis­tin von ab­so­lu­ter hand­werk­li­cher Per­fek­ti­on, der je­de Nu­an­ce von Bo­gen­druck, An­satz und In­ton­ati­on zur Ver­fü­gung steht, um das We­sent­li­che zu schaf­fen, die Mu­sik. Sie war, klein und schlank, stets in Be­we­gung. Dies war je­doch im­mer der Mu­sik ge­schul­det, die förm­lich durch sie hin­durch­ström­te, sie mit­nahm und zu­wei­len fast vom Bo­den hoch­riss. Ein­mal, in ei­nem Mo­ment be­son­ders gro­ßer Ver­bun­den­heit mit Or­ches­ter und Di­ri­gent, zog kurz ein Lä­cheln über ihr Ge­sicht. Dann wur­de schon nach­drü­ckli­cher mu­si­ziert, die Gei­ge, mal hauch­zart, mal kraft­voll, tanz­te los, und das Or­ches­ter mit ihr mit; über­wie­gend hei­ter. Toll auch wie­der der vier­te Satz, mu­si­ziert von groß zu noch grö­ßer und fei­er­li­cher. Die Vio­li­ne zeig­te hier csar­das­haf­tes Feu­er. Der Fünf­te brach­te ei­nen leich­ten, er­zäh­le­ri­schen Duk­tus und ei­ne wo­mög­lich noch in­ten­si­ve­re Vio­li­ne in tän­ze­ri­scher In­ter­ak­ti­on mit dem En­sem­ble. Vor­züg­lich ge­lei­tet, er­gänz­te es die So­lis­tin fast dis­kret. Mit vor­züg­li­cher Prä­zi­si­on kehr­te man zum The­ma zu­rück und setz­te ei­nen groß­ar­ti­gen Ab­schluss. Mi­nu­ten­lan­ger don­nern­der Bei­fall für Yang, die ei­ne fas­zi­nie­ren­de, lei­den­schaft­li­che Zu­ga­be spiel­te (Eu­ge­ne Ysaÿe: Les Fu­ries). Noch mehr Bei­fall. Re­vu­el­tas‘ Sui­te für Or­ches­ter „La no­che de los May­as“ (die Jo­sé Yves Li­man­tour 20 Jah­re nach dem Tod des Kom­po­nis­ten aus des­sen Mu­sik zum Film „Die Nacht der May­as“ von 1939 zu­sam­men­stell­te) be­gann mit ei­nem gro­ßen film­mu­sik­ar­ti­gen Auf­takt, ge­folgt von fühl­ba­rem Span­nungs­auf­bau und wie­der pa­ra­die­si­scher Ru­he im Fluss, fast ver­sun­ken mu­si­ziert. Dann er­leb­te man ei­ne durch­aus neu­tö­ne­ri­sche Ver­wir­rung: Ele­fan­ten trom­pe­te­ten, der Dschun­gel er­hob sich; der Di­ri­gent ge­stal­te­te al­les sou­ve­rän in op­ti­ma­ler Trans­pa­renz. Rät­sel­haf­te Ak­zen­te wech­sel­ten mit spa­ni­schen An­klän­gen und Ma­ria­chi-An­mu­tun­gen, al­les äu­ßerst viel­schich­tig und ne­ben dem Üb­li­chen. Dem ab­rup­ten Schluss folg­ten don­nern­der Ap­plaus und ei­ne mit­rei­ßen­de Zu­ga­be mit An­ton Mar­ques‘ „Dan­zo Nr. 2“ – noch ei­ne Ex­plo­si­on; ins­ge­samt ei­ne enor­me Sin­nen­freu­de.

 

Heiner Schultz, 12.03.2018, Gießener Anzeiger

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