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Her­aus­for­de­rung für al­le Sin­ne - Gießener Anzeiger
07.05.2018

Stadt­thea­ter Mu­sik, Li­te­ra­tur und fas­zi­nie­ren­de Bil­der: Stück von Hei­ner Go­eb­bels bei Pre­mie­re ge­fei­ert

Ein Mann sitzt, den Rü­cken zum Pu­bli­kum ge­wandt, tief im Büh­nen­hin­ter­grund an ei­nem Schreib­tisch und be­schreibt ex­akt das, was man selbst als Zu­schau­er von ihm und sei­ner Um­ge­bung sieht. Die Hal­tung sei­ner Hän­de, die Nei­gung sei­nes Kop­fes, die vor ihm auf­ge­schlag­enen Bü­cher. Die­se selt­sam an­mu­ten­de Sze­ne­rie sorgt bald für ei­nen über­ra­schen­den Ef­fekt: Sie schärft die Sin­ne des Zu­schau­ers auf ex­tre­me Wei­se. Denn nun ist plötz­lich zu se­hen, was ei­nem sonst ent­gan­gen wä­re – das De­tail.

Um die mensch­li­che Wahr­neh­mung kreist Hei­ner Go­eb­bels in sei­nem Stück „Mit ei­nem Na­men aus ei­nem al­ten Buch“, das am Frei­tag­abend im Stadt­thea­ter Gie­ßen Pre­mie­re fei­er­te. Und die Wahr­neh­mung des Pu­bli­kums wird da­rin auf al­le er­denk­li­che Wei­se ge­for­dert: mit Li­te­ra­tur, Mu­sik, Klang, Stim­men, Ge­räu­schen, Bil­dern, Vi­deos, Licht und Far­ben. Es ist ein rund 90-mi­nü­ti­ges Büh­nen­er­eig­nis, das sich den gän­gi­gen Spiel­re­geln des Thea­ter­ge­sche­hens auf ein­dru­cksvol­le Wei­se ent­zieht.

Denn Hei­ner Go­eb­bels, der in­ter­na­tio­nal er­folg­rei­che Re­gis­seur und Kom­po­nist, ver­wei­gert sich mit die­ser „sze­ni­schen Le­sung“ ei­ner strin­gen­ten Hand­lung, ei­ner nach­voll­zieh­ba­ren Ge­schich­te. Hier gibt es kei­ne aus­ge­ar­beit­eten Fi­gu­ren, kei­ne Dia­lo­ge, kei­nen grö­ße­ren Zu­sam­men­hang zwi­schen den ein­zel­nen Ka­pi­teln. Statt­des­sen Tex­te von vier eher sper­ri­gen Schrift­stel­lern – Hei­ner Mül­ler, Ro­nald Go­etz, Alain Rob­be-Gril­let und Hu­go Ha­mil­ton –, die als künst­le­ri­sche Roh­mas­se für die­sen mu­si­ka­li­schen Thea­ter­abend ver­wen­det wer­den. Die bei­den Schau­spie­ler Da­vid Ben­nent und Li­sa Char­lot­te Frie­de­rich neh­men sich da­bei ab­wech­selnd den li­te­ra­ri­schen Vor­la­gen an und ver­schaf­fen ih­nen tat­säch­lich „Klang, Struk­tur und Kör­per“, wie es in der An­kün­di­gung heißt.

Und die einst in Gie­ßen aus­ge­bil­de­te Schau­spie­le­rin sorgt gleich zum Auf­takt da­für, dass un­vor­be­rei­te­te Zu­schau­er in größt­mög­li­che Ir­ri­ta­tio­nen ge­stürzt wer­den. Im noch hel­len Saal­licht steht sie am Büh­nen­rand, da­ne­ben ein Dut­zend auf­ge­reih­ter Mu­si­ker des Phil­har­mo­ni­schen Or­ches­ters Gie­ßen. Was nun be­ginnt, ist ei­ne Art hoch­rhyth­mi­scher Shit-Storm, der al­len die­sem Pro­gramm kri­tisch ge­gen­über­ste­hen­den Thea­ter­be­su­chern das Ma­te­ri­al frei Haus vor­gibt. „Dreck! Pest! Hass!“ presst die Sprech­erin die Sät­ze aus Rai­nald Go­etz‘ Thea­ter­tri­lo­gie „Krieg“ stam­men­den Ti­ra­de wie ei­ne Rap­pe­rin ins Mi­kro, wäh­rend die In­stru­men­ta­lis­ten ih­re Wort­kas­ka­den mit tem­po­rei­chen Dis­so­nan­zen un­ter­strei­chen. „Hö­ren Sie das?!“, wie­der­holt Frie­de­rich im­mer wie­der, im­mer ag­gres­si­ver, wäh­rend die Mu­sik an­schwillt – und in ih­rer In­ten­si­tät und Lauts­tär­ke nun wirk­lich nicht zu über­hö­ren ist.

Doch auf Schnel­les, Har­tes, Her­aus­for­dern­des folgt bald Lei­ses und Sen­si­bles. Da­vid Ben­nent näm­lich, der am Schreib­tisch sitzt, ei­ne „Sze­ne“ von Alain Rob­be-Gril­let ver­tont, und da­mit den Zu­schau­er in ganz an­de­rer Wei­se auf sich selbst zu­rück­wirft. Und so setzt sich der Abend fort. Ins­ge­samt sechs Stü­cke, Ka­pi­tel, Sze­nen sind es, die Hei­ner Go­eb­bels zu­sam­men mit Mo­ni­ka Go­ra (Büh­ne), Jan Bre­gen­zer (Licht), Re­né Lie­bert (Vi­deo) so­wie dem Phil­har­mo­ni­schen Or­ches­ter Gie­ßen un­ter Lei­tung von Pa­blo Dru­ker ent­wirft. Al­le sind an­ders, über­ra­schend, rät­sel­haft. Und al­le bie­ten sie den Zu­schau­ern die Mög­lich­keit, „sich selbst ei­nen Sinn zu su­chen“, wie Hei­ner Go­eb­bels zu­vor im Pres­se­ge­spräch an­ge­bo­ten hat. Neu­gie­ri­gen Thea­ter­be­su­chern bie­tet sein Stück je­den­falls ei­ne her­vor­ra­gen­de Ge­le­gen­heit, sich aufs of­fe­ne, un­be­kann­te Ter­rain zu be­ge­ben und sich von an­de­ren Aus­dru­cksfor­men der Kunst her­aus­for­dern zu las­sen. Das Pre­mie­ren­pu­bli­kum zeig­te sich an­ge­tan, der Ap­plaus fiel laut und lan­ge aus. 

 

Björn Gauges, 07.05.2018, Gießener Anzeiger

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