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Erregende Wellen - Gießener Anzeiger
19.05.2018

Ta­rek As­sams „Wa­ves“ lässt kei­nen der Be­su­cher un­be­ein­druckt zu­rück

Ein rund­um sti­mu­lie­ren­des und pa­cken­des Tanz­er­leb­nis bot sich den Be­su­chern des „taT“ in Gie­ßen am Frei­tag­abend. Die Pre­mie­re von Ta­rek As­sams „Wa­ves“ mit der er­re­gen­den Vi­deo­ins­tal­la­ti­on von Lie­ve Van­der­schae­ve auf der ex­zen­tri­schen Büh­ne von Mi­che­le Lo­ren­zi­ni ließ kei­nen Be­su­cher un­be­rührt zu­rück. Ein Er­leb­nis! „Wa­ves“ wid­met sich dem The­ma Wel­len im kon­kre­ten und über­tra­ge­nen Sin­ne, „En­er­gie, die ei­ne sich räum­lich aus­brei­ten­de Schwin­gung er­zeugt“ heißt es zum bes­se­ren theo­re­ti­schen Ver­ständ­nis im Pro­gramm. Aber auch die All­tags­er­fah­rung von Was­ser­wel­len ge­hört da­zu – ir­gend­wie sehr vie­les, er­fährt man.

Das mit der sich aus­brei­ten­den Schwin­gung ist ein we­sent­li­cher Aspekt, den die her­aus­ra­gen­de Vi­deo­krea­ti­on sog­leich auf­greift. Mi­che­le Lo­ren­zi­nis Büh­ne (auch Kos­tü­me) wird von zwei wei­ßen Stell­wän­den be­grenzt, auf de­nen sich sen­krech­te wei­ße Ele­men­te be­fin­den, die an un­re­gel­mä­ßi­ge Kühl­rip­pen er­in­nern. In ein­heit­li­chen wei­ßen All­tags­kla­mot­ten tan­zen Cait­lin-Rae Crook, Ma­ria Adria­na Dor­nio, Ma­mi­ko Sa­ku­rai, Mag­da­le­na Stoya­no­va, Yu­su­ke In­oue, Sven Kraut­wurst und Bay­ar­baa­tar Na­ran­ge­rel. Schon bald be­lebt sich die Sze­ne­rie, in­dem Mu­sik, Ge­räu­sche und Licht mit die­sen Ele­men­ten und den Tän­zern ei­ne schlüs­si­ge Ver­bin­dung ein­ge­hen. Die Mu­sik, meist ei­ne Art per­kuss­ions­be­ton­te, oft tanz­bar, dient dem En­sem­ble als in­di­vi­du­el­le Be­we­gungs­grund­la­ge, ob­gleich sich al­le sicht­bar an ihr orien­tie­ren, zu­wei­len auch im Gleich­klang. Oder ei­ne Tän­ze­rin gibt ei­ne An­wei­sung: „Trans­form – ac­ti­va­te“. Der Zu­schau­er er­lebt ei­nen ganz­heit­li­chen Fluss sinn­li­cher An­re­gun­gen, wie sie sel­ten sind. Licht­wel­len flie­ßen über die Büh­ne und die Kör­per ver­än­dern die Wan­de­le­men­te, die sich zu­wei­len auch selbst er­leuch­ten, lö­sen die Kon­tu­ren der Tän­zer auf. Die­se Ef­fek­te sind zum ei­nen sehr at­trak­tiv: Mus­ter ver­än­dern die Sze­ne, im Hin­ter­grund wan­dern auch mal com­pu­ter­gra­fi­sche ab­strakt be­las­se­ne Fi­gu­ren, und ein Bass­schlag lässt al­les zu­sam­men er­zit­tern (Dra­ma­tur­gie: Jo­han­nes Berg­mann). Die Tän­zer, wie üb­lich hoch mo­ti­viert und eben­so aus­dru­cksvoll agie­rend, zeich­nen häu­fig wel­len­haf­te Fi­gu­ren, spiegeln die ge­ra­de lau­fen­de Gra­fik wie­der oder fü­gen mi­ni­ma­le sze­ni­sche Ele­men­te hin­zu; ge­le­gent­lich ent­ste­hen Mo­men­te gro­ßer In­nig­keit. Se­hens­wert ist Mag­da­le­na Stoya­no­vas So­los­ze­ne; die Com­pa­ny ins­ge­samt glänzt mit größ­ter Ver­bind­lich­keit und Dif­fe­ren­ziert­heit des Aus­drucks, hier sind al­le auch Dar­stel­ler. Auch Hu­mor fin­det statt. Ein paar durch­aus klu­ge Denk­sprü­che wan­dern kurz über die Wän­de und schaf­fen, viel­leicht un­be­ab­sich­tigt, ein Mo­ment der Iro­nie, und ein paar sze­ni­sche Ele­men­te las­sen die Tän­zer als Sän­ger er­schei­nen. Und ei­ne Was­sers­ze­ne­rie, in der ein gra­fi­sches Ba­by schwimmt, steht ein­fach auf dem Kopf. Die nicht en­den­de Fül­le der Ein­fäl­le be­zieht letzt­lich den Be­trach­ter in das Gan­ze mit ein, nicht sel­ten geht der Beat ins Bein, und die flie­ßen­de All­ge­gen­wart der ex­pres­si­ven Ele­men­te hebt al­le Be­schrän­kun­gen von Büh­ne, Hin­ter­grund und Ak­teu­ren auf. Die Cho­reo­gra­fie nutzt das höchst sinn­fäl­lig und fügt sich in die­ses sti­mu­lie­ren­de Spek­ta­kel rat­los ein: ein­fach groß­ar­tig, wun­der­schön und vor al­lem in­halt­lich und for­mal stim­mig wie sel­ten. Enor­mer Bei­fall.

 

Heiner Schultz, 19.05.2018, Gießener Anzeiger

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