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Ein­bruch in männ­li­che Do­mä­ne - Gießener Anzeiger
18.01.2018

27-jäh­ri­ge Fran­zö­sin Ma­rie Jac­quot lud zu mit­rei­ßen­dem Jagd­abend im Stadt­thea­ter ein

Lang, lang ist’s her. Seit der Grie­chin Ma­ria Ma­kra­ki und der US-Ame­ri­ka­ne­rin Amy An­der­son im Jahr 2002 hat kei­ne Frau mehr am Di­ri­gen­ten­pult des Phil­har­mo­ni­schen Or­ches­ters Gie­ßen ge­stan­den. En­er­gie­sprü­hend und be­herzt zu­pa­ckend be­rei­te­te nun die 27-jäh­ri­ge Fran­zö­sin Ma­rie Jac­quot die­ser lan­gen Frau­en­pau­se ein En­de. Und aus­ge­rech­net mit ei­nem der männ­lich­sten The­men über­haupt, der Jagd, ließ sie im Sin­fo­nie­kon­zert am Diens­tag­abend fri­schen Wind durchs Re­vier we­hen. Das Stadt­thea­ter war bis un­ters Dach voll be­setzt.

Die 1990 in Pa­ris ge­bo­re­ne Ma­rie Jac­quot ist stu­dier­te Po­sau­nis­tin und der­zeit stell­ver­tre­ten­de Ge­ne­ral­mu­sik­di­rekt­orin am Würz­bur­ger Thea­ter.

Beim Klang der Jagd­hör­ner denkt man un­will­kür­lich an ei­ne ver­schwo­re­ne Män­ner­ge­mein­schaft – oder an den Jä­ger­chor im „Frei­schütz“, in dem es heißt: „Den Hirsch zu ver­fol­gen durch Di­ckicht und Teich, ist fürst­li­che Freu­de, ist männ­lich Ver­gnü­gen.“ Im schwar­zen Ho­sen­an­zug, schlank, agil und mit ge­win­nen­der, sym­pa­thi­scher Aus­strah­lung zeig­te die jun­ge Di­ri­gen­tin, dass sie sich beim Ein­bruch in die ty­pisch männ­li­che Do­mä­ne ei­gent­lich recht wohl fühlt. In zwei kurz­wei­li­gen Stun­den mit Kom­po­si­tio­nen rund um die Jagd war deut­lich zu spü­ren, wie sich die­se po­si­ti­ve Aus­strah­lung auf die Mu­si­ker und na­tür­lich auch das Pu­bli­kum über­trug. Gu­te Lau­ne lag in der Luft, und das Or­ches­ter agier­te mit per­len­der, ge­ra­de­zu über­schäu­men­der Spiel­freu­de.

O je, die Na­tur­hör­ner, dach­te man, als es gleich zu Be­ginn in der Ou­ver­tü­re „La chas­se du jeu­ne Hen­ri“ des fran­zö­si­schen Kom­po­nis­ten Étien­ne-Ni­co­las Mé­hul ziem­lich hol­per­te und ei­nem so­fort die völ­lig miss­glück­te „Was­ser­mu­sik“ mit die­sen In­stru­men­ten in Er­in­ne­rung ge­ru­fen wur­de. Doch es blie­ben er­freu­li­cher­wei­se die ein­zi­gen Wa­ckler an die­sem Abend, der mit der fol­gen­den „Gran­de Fan­fa­re“ D-Dur von Gioa­chi­no Ross­ini so rich­tig Fahrt auf­nahm. In dem ro­man­ti­schen, ef­fekt­vol­len Stück wa­ren die vier Hor­ni­sten Mar­tin Ge­ricks, Al­va­ro Ar­tu­ne­do Gar­cia, Bert­hold Cre­mer und Vic­tor Lo­za­no Ma­ria­no vor dem Or­ches­ter po­stiert und dort lie­fer­te das Quar­tett blitz­sau­be­re Ar­beit ab. Zur Mu­sik, die ei­ne wil­de Jagd über Stock und Stein mal­te, lie­ßen sie die Jagd­sig­na­le mäch­tig er­schal­len. Da­bei fiel vor al­lem der wei­che Klang der Na­tur­hör­ner auf.

Über Stock und Stein

Den Schwung aus die­sem ra­san­ten Stück nah­men die Aus­füh­ren­den mit in Jo­seph Haydns Sin­fo­nie Nr. 73 D-Dur mit dem Bein­amen „La Chas­se“. Mit­rei­ßend und punkt­ge­nau di­ri­gie­rend, zog Ma­rie Jac­quot auch hier die Zü­gel an. So war im Kopf­satz mit sei­nem stän­di­gen Po­chen al­les im Fluss und sehr dy­na­misch auf­ge­fasst. Hö­he­punkt des Werks – und auch der Wie­der­ga­be durch das Phil­har­mo­ni­sche Or­ches­ter – war das fu­rio­se Fi­na­le im da­hin­ja­gen­den 6/8-Takt mit so­lis­tisch ein­ge­füg­ten Bläs­er­pass­agen, die ei­nen al­ten Jagd­ruf zi­tie­ren.

Nach emo­ti­ons­ge­la­de­nen Klän­gen, die in Lui­gi Che­ru­bi­nis Ou­ver­tü­re zu sei­ner Oper „Mé­dée“ von ent­täusch­ter Lie­be, Hass und Ra­che er­zäh­len, kam mit der Sin­fo­nie Nr. 25 g-Moll KV 1983 ei­nes der frü­hen Wer­ke Mo­zarts zur Auf­füh­rung. An­re­gend durch die Sin­fo­nien Haydns hat der 17-Jäh­ri­ge ein „Sturm und Drang“-Werk ge­schaf­fen, das im un­ru­hi­gen An­fangs­satz mit schrof­fen Kon­tras­ten da­her­kommt. Hier zeich­ne­te sich das Or­ches­ter wie­der durch ei­ne aus­ge­spro­chen dy­na­mi­sier­te Wie­der­ga­be aus. Durch die Be­set­zung mit ge­dämpf­ten Strei­chern und Fa­got­ten blieb die düs­te­re At­mo­sphä­re auch im An­dan­te er­hal­ten, bis im ein­dring­li­chen Fi­na­le der lei­den­schaft­li­che Af­fekt tri­um­phal zu­rück­kehr­te.

Das Be­ste kam al­ler­dings zum Schluss: Für den herz­li­chen Bei­fall be­dank­ten sich die Di­ri­gen­tin und das Or­ches­ter mit Be­et­ho­vens Ou­ver­tü­re „Die Ge­schöp­fe des Pro­met­heus“ als Zu­ga­be. Im Spiel lag so viel Herz, dass die Bra­vor­ufe im An­schluss gar nicht aus­blei­ben konn­ten.

Au re­vo­ir, Ma­da­me Jac­quot, kom­men Sie bald wie­der nach Gie­ßen und di­ri­gie­ren Sie dann bit­te wie­der Be­et­ho­ven!

 

Thomas Schmitz-Albohn, 18.01.2018, Gießener Anzeiger

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