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„Ame­ri­ka­ni­sches Quar­tett“ ge­ret­tet - Gießener Anzeiger
16.01.2018

Ji­ri Bu­ri­an springt kurz­fri­stig für er­krank­ten Kol­le­gen ein / Reiz­vol­le Be­geg­nung mit Kom­po­nist Cru­sell

Vie­le Be­su­cher des Kam­mer­kon­zerts im Stadt­thea­ter hat­ten sich am Sonn­tag­vor­mit­tag auf Franz Schub­erts Streich­quar­tett „Der Tod und das Mäd­chen“ ge­freut, doch es blieb bei der Vor­freu­de. We­gen Er­kran­kung des Gei­gers Cor­ne­li­us Jen­sen muss­te auf die Auf­füh­rung ver­zich­tet wer­den.

Ein wei­te­res Werk des Pro­gramms konn­te hin­ge­gen im letz­ten Au­gen­blick ge­ret­tet wer­den: Kon­zert­meis­ter Ji­ri Bu­ri­an war kurz­fri­stig für den er­krank­ten Kol­le­gen ein­ge­sprun­gen, so­dass das „Ame­ri­ka­ni­sche Quar­tett“ op. 96 von An­to­nin Dvo­rak – wie vor­ge­se­hen – er­klin­gen konn­te. Es war ein so dich­tes, flie­ßen­des und ge­ra­de­zu süf­fi­ges Mu­si­zie­ren, das schon nach den er­sten Tak­ten ver­ges­sen ließ, dass sich Bu­ri­an erst vor gut ei­ner Wo­che in das En­sem­ble ein­ge­fügt hat. Dvo­raks schwel­ge­ri­scher Ton war wun­der­bar ge­trof­fen, und im bruch­lo­sen Zu­sam­men­spiel der vier In­stru­men­ta­lis­ten aus den Rei­hen des Phil­har­mo­ni­schen Or­ches­ters – Go­woon Ba­ek (Vio­li­ne), Ka­ro­li­na Ryb­ka (Vio­la), At­ti­la Hün­döl (Cel­lo) – lief es wie am Schnür­chen. Die Zu­hö­rer im voll be­setz­ten Thea­ter­foy­er dank­ten für die ge­fühl- und tem­pe­ra­ment­vol­le Dar­bie­tung mit herz­li­chem Ap­plaus.

An­to­nin Dvo­rak (1841 – 1904) brach­te in ge­ra­de­zu ver­schwen­de­ri­scher Fül­le Me­lo­di­en her­vor; sie schie­nen ihm nur so zu­zu­flie­gen. Das mit sei­nem Reich­tum an Klang­far­ben und ein­gän­gi­gen Me­lo­di­en ge­spick­te „Ame­ri­ka­ni­sche Quar­tett“ er­weckt den Ein­druck von „un­ver­brauch­ten, er­fri­schen­den Volks­klän­gen“ (Hans­lick). Im Kam­mer­kon­zert war schon im er­sten Satz, der wie ei­ne ein­zi­ge Ode an die Na­tur er­scheint, die­se Fri­sche spür­bar. Ge­tra­gen von mu­si­kan­ti­scher Spiel­lust setz­ten die In­ter­pre­ten ganz auf die Stär­ken der Par­ti­tur, und wie sehr die vier In­stru­men­ten­stim­men ein schö­nes Gan­zes er­ga­ben, zeig­te sich be­son­ders im zwei­ten Satz mit sei­ner weit­ge­spann­ten, me­lan­cho­li­schen Kan­ti­le­ne. Hier war al­les in­ni­ges Mu­si­zie­ren von be­zwin­gen­der In­ten­si­tät. Vol­ler Elan bün­del­ten die Mu­si­ker noch ein­mal im stür­mi­schen Fi­na­le al­le Kräf­te.

Stür­mi­sches Fi­na­le

Nicht nur Ji­ri Bu­ri­an, son­dern auch die chi­ne­si­sche Gei­ge­rin Yi Xiao war kurz­fri­stig ein­ge­sprun­gen. In en­ger Ver­schmel­zung mit Go­woon Ba­ek und in ei­ner Hal­tung höch­ster Kon­zen­tra­ti­on führ­te sie zu Be­ginn zwei Sät­ze (An­dan­te can­ta­bi­le, All­eg­ro) aus der So­na­te für zwei Vio­li­nen C-Dur op. 56 von Ser­gej Pro­kof­jiew (1891 – 1953) auf. In der kunst­vol­len, kei­nes­wegs leicht zu­gäng­li­chen Kom­po­si­ti­on spür­ten die bei­den Gei­ge­rin­nen den rei­nen, flie­ßen­den Klän­gen nach.

Zu ei­ner reiz­vol­len Be­geg­nung mit dem Kom­po­nis­ten Bern­hard Cru­sell (1775 – 1838) lud des­sen Kla­ri­net­ten­quar­tett Es-Dur op. 2,1 ein. Ob­wohl er fast sein gan­zes Le­ben in Schwe­den ver­brach­te, war Cru­sell, ein Zeit­ge­nos­se Be­et­ho­vens, ein Fin­ne. Er zähl­te zu den her­aus­ra­gen­den Kla­ri­net­ten­vir­tuo­sen sei­ner Zeit, und sei­ne Kom­po­si­tio­nen – meist mit oder für Kla­ri­net­te – wer­den bis heu­te weit­hin ge­schätzt. Der Ein­fluss Mo­zarts ist zwar über­all spür­bar, doch die Stü­cke sind eher ei­nem früh­ro­man­ti­schen Klan­gi­de­al ver­pflich­tet und ste­hen den Meis­tern sei­ner Zeit, Lou­is Spohr und Carl Ma­ria von We­ber, na­he.

Na­tür­lich ist auch die­ses Kla­ri­net­ten­quar­tett, in dem Tho­mas Ort­ha­ber sein In­stru­ment wun­der­schön „sin­gen“ ließ, der Kla­ri­net­te auf den Leib ge­schrie­ben. Die Ver­traut­heit mit den Spiel­mög­lich­kei­ten des In­stru­ments spricht aus je­dem Takt. Hei­ter, lie­bens­wert und mo­zar­tisch an­ge­haucht kam der er­ste Satz in der be­schwing­ten Wie­der­ga­be da­her. Mit kla­rem, leuch­ten­den Ton nahm Ort­ha­bers Spiel die Zu­hö­rer für sich ein, und be­son­ders im Me­nu­et­to/All­eg­ro des zwei­ten Sat­zes mit sei­ner an­rüh­ren­den, lied­haf­ten Me­lo­die mu­si­zier­te das En­sem­ble hin­ge­bungs­voll mit sehr viel Fein­ge­fühl. Bra­vo!

 

Thomas Schmitz-Albohn, 16.01.2018, Gießener Anzeiger

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