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Bestechende Klangereignisse - Gießener Anzeiger
19.04.2018

Ki­rill Trous­sov zeigt im Stadt­thea­ter Meis­ter­leis­tung auf der Vio­li­ne / Be­seel­te Zu­hö­rer

Ein Mu­sik­er­eig­nis der be­son­de­ren Art ge­nos­sen die Be­su­cher des 8. Sin­fo­nie­kon­zerts im Stadt­thea­ter. Un­ter der mi­nu­tiö­sen Lei­tung von Ge­ne­ral­mu­sik­di­rek­tor (GMD) Mi­cha­el Hofs­tet­ter wur­den Wer­ke von An­ton We­bern, Al­ban Berg und Franz Schub­ert prä­sen­tiert. Als So­list über­zeug­te da­bei Ki­rill Trous­sov auf der Vio­li­ne mit ei­ner her­aus­ra­gend emo­tio­na­len und hand­werk­lich un­über­treff­li­chen Meis­ter­leis­tung.

Doch der Abend hielt ne­ben den er­war­te­ten so­lis­ti­schen Ver­gnü­gun­gen noch wei­te­re At­trak­tio­nen be­reit. Hofs­tet­ter ser­vier­te mit dem her­aus­ra­gend dis­po­nier­ten Phil­har­mo­ni­schen Or­ches­ter zu­nächst An­ton We­berns (1883 bis 1945) Fünf Or­ches­ters­tü­cke op. 10, gleich­sam als apar­te Vor­spei­se. We­bern zeigt hier ei­ne Syn­the­se von größ­ter Ori­gi­na­li­tät und viel­fäl­tigs­ter Ge­stal­tung. Schon die ver­min­der­te Kam­mer­be­set­zung des Or­ches­ters ließ ein klein­eres Klang­for­mat er­war­ten. Der er­ste Satz ein zau­ber­haf­tes In­tro, fein schräg, im Zwei­ten ei­ne leicht schril­le En­er­gie, im Grun­de ein ein­zi­ger Ak­kord. Dann zar­te Per­kuss­ion, zum Schluss al­les aus­ge­haucht. Im Vier­ten kaum et­was, nur Strei­cher. Im fünf­ten Satz ein Glo­cken­spiel, ein paar Blä­ser, kurz Strei­cher, den Schluss aus­ge­tupft. Ehe man sich’ s ver­sah, war in we­ni­ger als zehn Mi­nu­ten schon al­les vor­bei. Der GMD trat vor und kün­dig­te an, die­se „un­glau­blich in­te­res­sant no­tier­te ge­heim­nis­vol­le Un­ter­hal­tung zwi­schen ei­ni­gen We­sen – so ähn­lich wie die drei Schwät­zer – noch ein­mal zu spie­len, um die Fein­hei­ten zu ver­tie­fen“. Er­folg­reich, die Zu­hö­rer ga­ben sich der be­seelt nu­an­cier­ten Wie­der­ga­be gern er­neut hin.

Al­ban Bergs (1885 bis 1935) Vio­lin­kon­zert in zwei Sät­zen war die näch­ste Ex­tra­va­ganz im Pro­gramm. Es ist ei­ne To­ten­kla­ge im Geist der Ro­man­tik, die das rei­che Er­be des 19. Jahr­hun­derts mit den Mit­teln avan­cier­ter Zwölf­ton­tech­nik ver­webt. Für den Kom­po­nis­ten wur­de es zum Re­quiem und da­mit zum myt­hi­schen Werk, des­sen Ein­fluss weit in das 20. Jahr­hun­dert reicht. So­lis­tisch ge­stal­tet wur­de es vom rus­si­schen Vir­tuo­sen Ki­rill Trous­sov.

Er ge­hört zu den in­ter­na­tio­nal ge­frag­tes­ten Gei­gern sei­ner Ge­ne­ra­ti­on, ist bei re­nom­mier­ten Or­ches­tern und wich­ti­gen Mu­sik­fes­ti­vals welt­weit zu Gast und spiel­te mit ab­so­lu­ten Grö­ßen zu­sam­men. Schon der zau­ber­haft-rät­sel­haf­te Auf­takt fes­sel­te die Zu­hö­rer. Dann folg­ten re­bel­lisch-lie­bli­che Aspek­te wie im Zau­ber­wald. Trous­sov agier­te mit su­per­ber Klar­heit und Aus­druck, for­mu­lier­te mü­he­los feins­te Nu­an­cen. Auch das Zu­sam­men­spiel mit dem Or­ches­ter ge­schah in schwin­gen­der, zu­wei­len be­schwing­ter Über­ein­kunft. Hofs­tet­ter ge­stal­te­te al­les fi­li­gran und ließ er­neut ein Klan­ge­reig­nis von be­ste­chen­der Trans­pa­renz ent­ste­hen. Trous­sov mu­si­zier­te be­tö­rend schön. Den Zwei­ten ging man saf­tig an. Die Vio­li­ne schoss zu höch­sten Hö­hen em­por, dann Wie­ner Schmäh, dann wild, Trous­sov spiel­te – ob mit herr­lich kla­rer Sü­ße oder in­nigs­tem Aus­druck – stets sou­ve­rän si­cher. Dann ein we­nig Ge­spens­ter­mu­sik, ge­folgt von fes­tem Auf­tritt und dann wie­der ly­ri­schem Feink­lang: es ging ab­wech­slungs­reich zu; zu­wei­len mu­te­te es fast an wie ein Hör­spiel. Das Or­ches­ter war stets prä­sent, doch nie auf­dring­lich, dann ein sanf­tes schö­nes Fi­na­le. Ins­ge­samt war das be­le­bend und toll ge­macht. Als Zu­ga­be zeig­te sich Trous­sov, sicht­lich er­freut, mit der Ada­gio So­na­te Nr. 1 von Bach für den to­sen­den, nicht en­den wol­len­den Bei­fall er­kennt­lich.

Zum Ab­schluss gab man Franz Schub­erts (1797 bis 1828) 8. Sin­fo­nie C-Dur D 944 in vier Sät­zen. Ly­risch, schwin­gend, struk­tur­be­tont die Ex­po­si­ti­on, mit macht­vol­len Bläs­ern und sehr gut auf­ge­bau­ter Dy­na­mik, gab das ei­nen kraft­vol­len the­ma­ti­schen Stim­mungs­über­blick; da­bei auch sanft nar­ra­ti­ve Ele­men­te. Im Zwei­ten ging man fes­ter und schwung­vol­ler zu Wer­ke, wie zu­vor sehr va­ria­ti­ons­reich, et­wa mit ein paar mar­schie­ren­den Ele­men­ten. Zwi­schen­durch star­ke Dy­na­mik und dann wie­der zar­tes­te Mo­men­te, Hofs­tet­ter mal­te die Mu­sik förm­lich, da­run­ter ganz zar­te Piz­zi­ca­ti. Im Drit­ten ahn­te man be­reits das Fi­na­le: an­fangs ein kon­trol­lier­ter Tem­pe­ra­ments­aus­bruch, dann flir­ren­de Flö­ten und ein sehr ori­gi­nel­les, kon­trast­rei­ches gro­ßes Me­lo­di­en­wo­gen. Da­bei wur­de die Ein­gän­gig­keit im­mer wie­der klug auf­ge­ho­ben, und die Span­nung stieg. Der ab­schlie­ßen­de Vier­te führ­te dann al­le dra­ma­tur­gi­schen Ele­men­te schlüs­sig und un­ge­mein mit­rei­ßend zu­sam­men. Da­bei auch ein sehr ele­gan­tes Tem­po und ein wun­der­vol­les fi­lig­ra­nes In­ter­mez­zo, dann ei­ne span­nen­de Ru­he bis zur fi­na­len enorm kla­ren Viel­stim­mig­keit.


Heiner Schultz, 19.04.2018, Gießener Anzeiger

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